„Beziehungszauber“ von Reinhard Piechocki

Clara Schumann und Johannes Brahms auf Rügen

Die Schicksalstage im Leben von Menschen – es gibt sie ohne Zweifel. In der aufreibenden Beziehung von Clara und Robert Schumann war der 30. September 1853 ein solcher Tag, als der damals zwanzigjährige Johannes Brahms in beider Leben trat und das geplagte Ehepaar – Robert wie Clara, er 43, sie 34 Jahre alt – sich in den schönen und außergewöhnlich begabten Jüngling, heute würde man sagen, „verkuckte“, jeder mit seiner eigenen Euphorie. Nicht weniger schicksalshaft war die Begegnung freilich für den jungen Brahms. Die Schumanns priesen ihn als Messias – Segen und Hypothek gleichermaßen für den aufstrebenden Komponisten.

Das Drama der folgenden Jahre ist hinlänglich erzählt, Robert Schumanns Selbstmordversuch, die traurige Zeit in der geschlossen Anstalt, sein tragisches Sterben. Johannes Brahms wurde darüber zu Clara Schumanns wichtigstem Vertrauten. Wie nah sie einander kamen – darüber wird in den zahlreichen Schumann- und Brahms-Biographien zum Teil ausufernd spekuliert. Müssen wir es wissen? Hören wir ihre Werke deshalb mit anderen Ohren? Brauchen wir gar noch ein weiteres Buch, das sich mit der Beziehung der beiden auseinandersetzt?
Reinhard Piechocki geht in seinem „Beziehungszauber“ einen ebenso eigenständigen wie erhellenden Weg: Anhand von zwölf Brahms’schen „Liebesbeziehungen“ zwischen 1858 und 1896 analysiert er das Verhältnis des so schwermütigen wie übertrieben selbstkritischen Künstlers zu den Frauen und kann auch belegen, wie Clara jeweils darauf reagierte. Während sie erst noch eifersüchtig klang, ermutigte sie ihren jungen Freund schließlich, sich doch endlich an eine Frau fürs Leben zu binden. Vergeblich, wie wir wissen.
Brahms blieb ein Eigenbrötler, die Freundschaft zu Clara Schumann überlebte alle Beziehungen und Affären, liebevolle Briefe gingen hin und her. Von einigen wenigen konnte Clara sich, trotz des gemeinsamen Beschlusses, alle Korrespondenz zu vernichten, offenbar nicht trennen … zum Glück für die Forschung.

Rügen, das Johannes Brahms erst 21 Jahre nach Clara Schumann betreten hat, ist gleichsam die räumliche Klammer des Buchs. Clara konzertierte im März 1855 in Bergen – Geldsorgen waren es, die sie zu der beschwerlichen Reise zur unwirtlichen Jahreszeit veranlasst hatten. Sie fror. Besser traf es Johannes Brahms, als er im Juni 1876 auf Rügen weilte, um seine c-moll-Sinfonie zu Ende zu komponieren, und von der „wirklich sehr, sehr hübschen“ Insel schwärmte.

Dass die Insel keine tragende Rolle im Beziehungszauber der beiden Künstler gespielt hat, weiß Piechocki freilich. Der liebenswürdige Kunstgriff des Wahlrügeners, der als Gründer des „Vereins zur Pflege des Natur- und Kulturerbes der Insel Vilm“ bereits Tagungen zu „Clara Schumann auf Rügen“ und „Johannes Brahms auf Rügen“ veranstaltet hat, schadet der ohne Einschränkung empfehlenswerten Lektüre aber keineswegs. Kurzweilig und kenntnisreich ist dieser bibliophil gestaltete Band mit seinen sorgfältig ausgewählten Illustrationen, unter anderem den wundersamen Camera Obscura Bildern von Rügen-Landschaften, die schon die beiden Genies in ihren Bann gezogen hatten. Und in der Tat: Nach der Lektüre hört man „den Komponisten des Sehnens über alle Grenzen hinaus“, wie Elke Heidenreich Brahms nennt, ebenso wie „den bis zur Unerträglichkeit schweigenden Grübler“ Robert Schumann und seine einst zum Wunderkind gedrillte Frau Clara mit neuen Ohren.

Melissa Müller

 

Autor: Reinhard Piechocki
192 Seiten, über 44 Abb., Format 11 x 16,5 cm
ISBN 978-3-9813568-5-4, Hardcover, 14,90 Euro

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Tel. 03 83 01 / 80 6 16 | verlag@ruegen-druck.de

 

Über den Autor
Von 1992 bis 2015 arbeitete Dr. Reinhard Piechocki an der Internationalen Naturschutzaka­demie Insel Vilm und ini­tiierte dort u. a. die „Sommerakademie über Grundsatzfragen des Natur­schutzes.“ Im intensiven Austausch zwischen Natur- und Kulturwissenschaftlern entstanden jährlich die „Vilmer Thesen“ über Schwerpunktthemen im Naturschutz unter Berücksichtigung unterschiedlicher Natur- und Weltbilder.
Im Jahr 1994 gründete er den „Verein zur Pflege des Natur- und Kulturerbes der Insel Vilm,“ dessen Vorsitzender er bis 2017 war. Er initiierte mit dem Verein über 20 Jahre hinweg eine Tagungsreihe zur Kultur­geschichte der Inseln Rügen, Vilm und Hiddensee. In diesem Rahmen veranstaltete er auch die Tagungen „Clara Schumann auf Rügen“ (2009) und „Johannes Brahms auf Rügen“ (2012).
In seiner Freizeit beschäftigt er sich u. a. mit dem Thema „Musik im Dritten Reich“. Im Jahr 2006 erschien das Buch „Alice Herz Sommer – ‚Ein Garten Eden inmitten der Hölle‘ “, das inzwischen in viele Sprachen übersetzt wurde. 2017 folgte das Buch „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“, das sich mit Chopins Musik in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und zwölf Musiker-Schicksale erzählt. Mit seinem Freund Thomas Klapperstück verfasste er 2010 eine Studie „Chopins 24 Etüden – Höhepunkte ihrer Interpretationsgeschichte“.

 

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