„… und meine Leidenschaft ist Fotos machen“

Fotokünstlerin Iwona Knorr über gute Bilder, die Fischerei und aktuelle Projekte

1. Du bist seit 2009 Fotokünstlerin. Was macht für dich ein gutes Foto aus?
Ein gutes Foto berührt. Das kann eine ästhetische oder eine emotionale Berührung sein. Und, das ist ganz individuell, ob und wie ein Bild einen anspricht.

2. Woher nimmst du deine Inspiration?
Mich können ganz verschiedene Dinge inspirieren. Meistens läuft es so ab, dass ich etwas entdecke. Das kann ein Gegenstand, ein Gebäude, ein Mensch, eine Geschichte sein. Ich werde neugierig und fange an über einen Kontext nachzudenken. Wenn mir etwas Spannendes einfällt, entwerfe ich eine Projektskizze und ziehe mit meiner Kamera los. Es kann sein, dass sich daraus eine gute Fotogeschichte entwickelt. Es kann aber auch passieren, dass ich nach mehreren Jahren immer noch nicht auf den Punkt komme. Das ist dann bitter, aber gehört dazu.

3. Dir liegt die Küstenfischerei am Herzen. 2014 ist dein Buch „Zum Fischen geboren“ mit Fotografien von Rügener Fischern erschienen. Wie kam es dazu?
Ich habe das Buch im Eigenverlag herausgebracht – nachdem ich gemerkt habe, dass die Küstenfischer verschwinden. Entdeckt habe ich sie beim Sonnenaufgang vom Hochufer auf Jasmund aus und dachte: „die Fischer sind wie ich um diese Zeit unterwegs. Ich möchte sie kennenlernen.“ Ich bin in den Sassnitzer Hafen gelaufen, fand es faszinierend, was da am Morgen abläuft und habe angefangen, Bilder zu sammeln. Irgendwann habe ich verstanden, dass es nicht nur ein schönes altes Handwerk ist, sondern bedrohte Existenzen. Da war etwas im Gange, was damals anscheinend noch niemand wahrgenommen hat. Bei der Vorstellung, dass es eines Tages keine Fischer mehr auf Rügen geben könnte, wurde es mir zum Bedürfnis, darauf hinzuweisen. Für mich sind Küstenfischer ein wichtiges Element der Identität der Region.

4. Wie haben die Fischer auf deine Fotoanfrage reagiert?
Entweder haben sie mich weggeschickt oder mich einfach machen lassen. Die Fischer fischen mit Leidenschaft und meine Leidenschaft ist Fotos machen. Das ist ein gemeinsamer Nenner. Darüber muss man sich nicht unterhalten. Das spürt man. Ich habe sie bei ihrer Arbeit nicht gestört und sie mich bei meiner auch nicht. Im Nachhinein sind alle froh, dass Fotos entstanden sind, die es so nicht mehr geben kann.

5. Wie siehst du die Zukunft der Küstenfischer?
Genossenschaften werden aufgelöst. Geblieben sind nur noch nachhaltig fischende Einzelkämpfer, und die sind schon am Limit ohne eine langfristige Perspektive. Da es global durch industrielle Fangflotten zu einer Überfischung der Meere gekommen ist, müsste das Fischen für einige Jahre komplett stillgelegt werden, damit sich die Fischbestände wieder erholen können. Das sagt die Forschung. Die Küstenfischer nennen es „Berufsverbot“, aber das ist viel mehr. Fischer zu sein ist kein Job, sondern ein Lebensgefühl. Ich möchte es mir nicht ausmalen, was es bedeutet, damit aufhören zu müssen.

6. In diesem Jahr ist ein weiteres Buch hinzugekommen: „Hering, Aal und Beifang – Fischer auf Rügen, Fischland und Darß“. Herausgegeben hat es der Mitteldeutsche Verlag. Was ist das Besondere für dich an diesem Buch?
Das Besondere an diesem Buch ist die Zusammenarbeit mit der Autorin Simone Trieder. Vom ersten Telefonat an spürten wir beide die gleiche Wellenlänge. Obwohl wir zunächst von einander nichts wissend in das Thema eingetaucht sind, berührte uns das, was wir entdeckt haben an der gleichen Stelle. Ich finde, dass nicht nur Simone und ich gleicher Meinung sind, sondern auch ihre Texte eine Sprache mit meinen Bildern sprechen. Ungewohnt für mich ist, dass ich darin als Protagonistin vorkomme. Man bekommt mit, wie ich arbeite und die Atmosphäre, in der meine Fotos entstanden sind.

7. Du wohnst in Bonn, kommst aber ursprünglich aus Polen. Was hat dich nach Deutschland verschlagen?
Ich habe Polen 1982 im Kriegszustand verlassen und bin zum Germanistikstudium nach Leipzig gefahren. Als ich fertig wurde, war Polen ein anderes Land. Meine Heimat, wie ich sie kannte, hat sich aufgelöst. Also musste ich mir eine neue suchen und meinte, dass Deutschland gut zu mir passte. Meine Familie meint, dass ich in vieler Hinsicht deutscher bin als die Deutschen (lacht). In Leipzig habe ich mich in einen Rüganer verliebt. Als sich 1989 auch sein Heimatland auflöste, sind wir in Köln zusammengezogen und haben dort in einem neuen System unser Leben wieder von vorn auf­gebaut.

8. Du verbringst sehr viel Zeit auf Rügen. Was liebst du an der Insel?
In Bonn wohne ich nur. Auf Rügen lebe ich. Hier habe ich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Ein Haus in einer intakten und beständigen Dorfgemeinschaft, viel ungeteilten Freiraum, eine vielfältige Landschaft und Begegnungen mit einem Menschenschlag, den ich mag. Die Menschen hier sind interessiert aneinander, geben sich so wie sie sind und strahlen eine Gelassenheit aus, die mich ansteckt. Auf der Insel zu sein bedeutet mir sein zu können, wie ich bin und zu tun, was mich interessiert.

9. Du machst auch Ausstellungen. Wo kann man deine Bilder derzeit sehen?
Noch bis Silvester kann man in der Orangerie in Putbus drei Werkgruppen von mir sehen. Von Gehen, Kommen und Zukunft – so habe ich diese Ausstellung betitelt. Konkret thematisiere ich dort die Eigendynamik der Natur, deren Dialog mit der Zivilisation und die Zukunft der Menschen, die in einer Landschaft verwurzelt sind. Das GEHEN bezieht sich auf Motive von Steilufern und Ruinen, die ich sein 2012 gesammelt habe. Das KOMMEN steht für das STRANDGUT, eine Fotoserie mit collagierten Fundstücken, die zum Aufsammeln von Plastikmüll am Strand anregen sollten. Und schließlich eine Portraitreihe von INSELKINDERN, die hoffentlich in ZUKUNFT Rügen gestalten werden. Es ist die erste Staffel eines auf zehn Jahre angelegten Projektes, das die Entwicklung der jungen Rüganer beobachten wird.

10. Woran arbeitest du zur Zeit?
Man merkt schon an meiner Biographie und den bisherigen Fotoprojekten, dass mich das Thema Heimat und Identität beschäftigt und immer wieder neue Perspektiven einnehmen lässt. Auch auf Island habe ich mich der Beziehung von Mensch und Landschaft gewidmet, als ich dort in einer Künstlerresidenz gearbeitet habe. Zurzeit und langfristig fokussiere ich mich auf Rügen und arbeite an mehreren kleinen Projekten gleichzeitig, die man unter dem Obertitel „Rügen als Heimat“ zusammenfassen könnte. Ich erforsche „Mikrowelten“ auf der Insel, die ich bisher nicht kannte und führe Langzeitprojekte fort. In drei Jahren geht das Fotoprojekt über die Inselkinder in die zweite Runde.

11. Welches Fotoprojekt würdest du gerne umsetzen?
Ich würde ganz gerne ein neues Projekt nach meinem Konzept der aktivierenden Fotografie starten. Es geht darum, Fotos zu schaffen, die zum Handeln inspirieren. Eines davon ist das bereits erwähnte Strandgut. Ein zweites war darauf ausgerichtet, zum Lesen von Märchen von E.M.Arndt anzuregen und war letztes Jahr im E.M.Arndt-Museum in Garz zu sehen.

12. Wen würdest du gerne mal vor die Kamera bekommen?
Die Fürstin zu Putbus. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, ihr bewusst zu begegnen.

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