Ein Blick in das mittelalterliche Stralsund

Im Museumshaus auf Zeitreise durch 600 Jahre Kulturgeschichte

Die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen erlebt man am besten an den Orten, an denen sie gelebt und gewirkt haben, zum Beispiel im Museumshaus in der beliebten Stralsunder Mönchstraße 38, ein Standort des STRALSUND MUSEUMs, Mecklenburg-Vorpommerns ältestes Museum. Das 700 Jahre alte Krämerhaus kann weiter besucht werden, während die Ausstellungsbereiche im Katharinenkloster derzeit aufwendig saniert und umgebaut werden. Kleine und große Besucherinnen und Besucher können in 600 Jahre Kulturgeschichte eintauchen – und sogar aktiv werden. Dafür ist unter anderem Museumspädagogin Angela Grigutsch zuständig. Seit 20 Jahren sorgt sie für kreative Aktionen rund um den Bau, lebhafte Unterhaltung, plaudert über Schwarzküche und Hübsche Stube, über das noch immer funktionierende gotische Aufzugsrad im Spitzboden, das als eines der ältesten Nordeuropas gilt.

Was macht das Haus mit dem spitzen Giebel – nach der Errichtung weniger Wohnhaus, sondern verstärkt Warenlager und bis zur baupolizeilichen Schließung im Jahr 1979 genutzt – so interessant? Bewohnte es anfangs nur eine Mietpartei, waren es im 20. Jahrhundert bis zu sieben. Gewohnt haben die Besitzer nicht im Haus, sondern im angeschlossenen Kemladen – ein beheizbarer Gebäudeteil – auf dem Hof. Einzige Heizquelle im Haus war ein Kamin im Erdgeschoss, der noch heute gut sichtbar ist. Die sogenannten Utluchten, in dem sich heute ein Bekleidungsgeschäft und die Strandläufer Verlagsbuchhandlung befinden, wurden im
17. Jahrhundert hinzugefügt. Einst führten zwei Treppen in den Keller. Über das Aufzugsrad im Spitzboden wurden die Waren über die einzelnen Geschosse verteilt. Auf Wangensteinen vor dem Haus stand geschrieben, welche Dienstleistungen der Krämer anbot. Zu den Besonderheiten im Erdgeschoss gehören eine sehr gut erhaltene zweiflügelige Rokokotür und der Wandschrank aus der Zeit um 1900.
Ein Blick nach oben: An der Holzbalkendecke sind Spuren gotischer Malerei erhalten. Auch der Aufzug ist zu sehen. Der steinerne Fußboden stammt noch aus der Entstehungszeit. Die Diele war Kernstück des gotischen Hauses. Im Keller und im obersten der vier Speicherböden sind die ältesten Gebäudedetails erkennbar.

In der Küche – nachgestellt aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts – sind Exponate wie Herd und Buffet zu sehen. Der Blick durch das Küchenfenster fällt auf den Flur. Auch eine Schwarzküche ist im Museumshaus erlebbar – authentisch mit dunkler Decke und Spinnweben. Die sind übrigens sogar konserviert. Der Name Schwarzküche stammt vom mangelnden Tageslicht. Die Rankenmalerei an der Südwand stammt aus der Zeit um 1680 bis 1700. In Vitrinen in einem weiteren Raum sind Ausstellungsstücke wie Wäscheklammern, Knöpfe, Broschen, Hutschachtel, Haarnadeln und Kämme zu sehen. Die stammen aus dem 19./20. Jahrhundert und wurden zum Beispiel unter aufgedoppelten Fußböden, in Mauerritzen hinter Wandverkleidungen und -abspannungen sowie unter Deckenverschalungen entdeckt. Man geht davon aus, dass das Haus nach der polizeilichen Schließung bis auf Herde und Öfen vollständig leer war.

In einem weiteren Raum – dekoriert mit Vorhängen, Wanduhr, marmorierter Wand, eingebautem Bücherregal, klappbarem Schreibtisch, Stuhl und Gemälden – sind zwei Jahrhunderte vereint: das 17. und das 19. Jahrhundert. Die originalen Gemälde zeigen Gottfried und Margarethe von Kathen. Familie von Kathen hat das Krämerhaus im 17. Jahrhundert erworben und hier auch ein Kramerladen betrieben, vergleichbar mit einem Tante-Emma-Laden heute. Nachfahren der Porträtierten haben die Bilder dem STRALSUND MUSEUM vererbt. Das Zimmer, in dem sich die Werke heute befinden, wird auch Hübsche Stube genannt.

Im 17. und im 19. Jahrhundert fanden auch die größten Umbauten im und am Haus statt. Im ersten Obergeschoss ist eine Stube um die Jahrhundertwende nachgestellt – mit Sofa, Stühlen, rundem Tisch, Schrank und einer historischen Stralsund-Ansicht. Sehr interessant ist auch die Schau mit den verschiedenen Tapeten. Auf einem Speicherboden ziehen Lehmwickel die Blicke auf sich. Bei Sanierungsarbeiten 1996 bis 1999 wurden im Haus befindliche Lehmstakendecken in fachgerechter Bauweise ergänzt. Die zeichnen sich nicht nur durch eine gute Wärmedämmung aus, sondern besitzen auch eine hervorragende Tritt-Schall-Dämmung. Kaum vergleichbar mit den heutigen Baumaterialien. Zu den weiteren Exponaten gehören Wagen, Fässer und Karren. Denn das Fass galt im Mittelalter als universelles Verpackungsmaterial.

Wer sich ein Bild von der aufwendigen Sanierung und Restaurierung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz machen möchte, kann sich nach dem Rundgang im Erdgeschoss einen Film über die Arbeiten anschauen. Und wer nicht genug von der Stralsunder Stadtgeschichte bekommen kann, dem sei nach der Wiedereröffnung ein Besuch des Katharinenklosters ein paar Schritte weiter oder des Marinemuseums auf dem Dänholm empfohlen. Bis dahin lohnt sich jeden Tag auf das Neue ein Bummel durch die Altstadt
von Stralsund mit ihren mittelalterlichen Bauten, schmalen Gassen und Klosteranlagen.

Öffnungszeiten und weitere Informationen:
Dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr
(24. und 31. Dezember geschl.)
Tel.: 03831/253600
https://www.stralsund-museum.de

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