Wie die Fischerei der Familie Hübner weiterlebt

Allerlei Nützliches aus Bügelreusen, Tampen und Netzen

Die erste Kundin steht schon an den orangefarbenen alten Fischkisten auf dem Rügen-Markt in Thiessow. Die gehören zum Stand Fischereidesign vom Fischuppen der Insel Hiddensee. „Ich hätte gern drei Meter von dem Netz hier“, sagt sie. Paul Hübner greift zu seinem Messer, setzt sich auf seinen Netzhocker und schneidet ein ausgedientes Fischernetz zurecht. Wie lange er damit schon selbst gefischt hat, kann er nicht mehr genau sagen. Dafür waren es zu viele. Aber dass er schon mit vierzehn Jahren bei seinem Großvater auf dem Fischkutter eingestiegen ist, daran erinnert er sich sehr genau. „In der Brigade waren damals dreizehn Kollegen, der jüngste 55 Jahre alt und der älteste 75“, sagt er. „Das war ein sehr geregelter Ablauf, da habe ich viel gelernt.“ Paul Hübner war Fischer in der siebten Generation und musste
als Lehrling häufig schon neun bis zehn Stunden arbeiten. „Zwei Uhr nachts bin ich aufgestanden, drei Uhr war ich auf dem Dänholm“, erinnert er sich. „Aber wenn die Laichzeit vorbei war, wurde es im Sommer ruhiger“.

Fünfundfünfzig Jahre hat er als Fischer gearbeitet. Heute ist er in Rente. Aber ab und zu fährt er noch raus. Räuchert dann Lachs, Aal und Makrele auf seinem Kutter im Hafen von Stralsund. Den musste er 1995 aus der Genossenschaft zurück erwerben – so wie Kleinboote, Geschirr und Reusen. Die Genossenschaft, mit damals 27 Leuten, hatte sich aufgelöst. „Ich bekam dann den Status eines privaten Unternehmers. So wie mein Opa. Das war eine harte Zeit“, sagt er rückblickend. „Zwölf bis vierzehn Stunden Arbeit, auch im Winter hatte ich sehr viel zu tun. Vier bis fünf Angestellte, Löhne mussten bezahlt werden, die ganzen Abgaben.“
Mitte der 90-er Jahre wurde viel Fisch aus den Reusen im Strelasund gestohlen. Da gab es sehr große Verluste. Der Kopf war immer voll, sagt Paul Hübner. Er hat alles miterlebt. Ähnlich wie in der LPG gab es auch in der Fischerei der DDR verschiedene Stufen. Als er anfing bei seinem Großvater,
gab es noch Typ I: Boote und Geschirr waren Eigentum der Fischer. 1949 kam Typ II: Die Fischer schlossen sich zu einer Genossenschaft zusammen, Boote und Geschirr blieben aber noch privat. Und im Typ III kaufte die Genossenschaft alle Geräte und Boote von den Fischern.

„1972 wurden wir Großbrigade, da hörte der Kampf um die Reusenplätze im Strelasund auf und wir verdienten auch besser“, erinnert er sich und entschuldigt sich, denn an den Kisten stehen neue Kunden. „Die meisten Leute nehmen die Netze als Deko für ihre Gärten oder Feierhütten“, erzählt er. „So haben sie noch einen Sinn und man muss sie nicht wegschmeißen.“ Zwischen die Bäume hat er Seile gespannt. Daran hängen mehrere Aalreusen. Auch die sind beliebt zur Dekoration wie auch Fischerei-Stangen. In den orangenen Kisten liegt auch altes Tauwerk zum Verkauf. Und viele Schwimmer. Die brauchte man, auch heute noch, für die Netze und Reusenanker. Diese waren industriell gefertigt. Seine Tochter Antje steht an einem Brett mit Schlüsselanhängern und erklärt Kunden, warum diese so unterschiedlich aussehen – in Farbe, Größe und den Zahlen, die darauf stehen. „Jeder Schwimmer ist anders geschnitzt, das hat Opa noch gemacht, aus der Rinde der Pappel oder Holunderholz. Das wurde dann noch geteert, damit das Holz dicht wird“. Antje Hübner nimmt einen Schlüsselanhänger mit der Zahl 45 vom Brett. „Die Zahlen bedeuten die Schenkellänge der Netze oder die Maschengröße.“ Ihr Vater kommt dazu und sagt: „32-er Schwimmer waren für die größeren Heringe im Frühjahr zum Beispiel, oder hier 60-er Netze waren gekennzeichnet zum Fang für Zander und Flunder.“

Nach der Fischerei sehnt er sich nicht zurück. Außerdem hat er seit 2019 seine neue Passion gefunden. Von November bis April fertigt er Schlüsselanhänger aus Schwimmern, Einkaufsnetze und Taschen aus Netzen und Bügelreusen, Armbänder aus alten Tampen und Netzen. Dafür hat er sich sogar eine Werkstatt eingerichtet. Beim Arbeiten kommen ihm immer wieder neue Ideen, die er zusammen mit seiner Tochter weiterentwickelt „Anfangs war er etwas skeptisch“, sagt Antje Hübner. „Aber jetzt wir sind ein cooles Team, wir experimentieren viel und entwickeln oft gemeinsam neue Ideen weiter.“ Als einzige Tochter hat sie Jura mit Schwerpunkt „Seerecht- und Seehandelsrecht“ studiert und immer überlegt, wie die Fischerei ihres Vaters weiterleben kann. „Ich bin früher immer gern mit rausgefahren zum Netze setzen, und bei uns gab es natürlich immer frischen Fisch“, lacht sie. „Wenn Vati filetiert, bleibt Haut übrig, die man sonst wegschmeißt“. Daraus ist die Idee enstanden, Schuppen und Haut von Barsch, Zander, Hecht und Heilbutt in einem aufwendigen Verfahren mit Harz zu präparieren und daraus Ohrringe, Armbänder und Anhänger herzustellen. „Dabei entsteht so eine Tiefe“, schwärmt sie und zeigt verschiedene Schmuckstücke. Die werden auch gut verkauft in ihrem Laden in Kloster auf Hiddensee.

In Neuendorf liegen übrigens die Wurzeln der Familie Hübner. Uropa Julius sei damals um 1900 immer zur Fischabgabe nach Stralsund gesegelt und hat sich dort in seine spätere Frau Luise verliebt. Da sie auf der Insel nicht aufgenommen wurde, kam so die Fischerei der Familie nach Stralsund. Und an beiden Orten darf sie heute noch weiter­leben.
Text: Ulrike Sebert

Weitere Informationen:
www.fischereidesign.de
www.fischuppen.de

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