Mehr als ein Fährort im Westen der Insel

Schaprode als Eingangshafen der Christianisierung Rügens

Bei Kirchenführungen können viele Touristen nicht verstehen, dass die Christianisierung Rügens vom Königreich
Dänemark ausgegangen ist. Dabei kann man bei klarer Sicht vom Dornbusch aus die Kreidefelsen der dänischen Insel Mön erstrahlen sehen. Ohne Dänemark ist die mittelalter­liche Geschichte Rügens nicht zu verstehen. Mit seiner Taufe 965 n. Chr. setzte Wikingerkönig Harald Blauzahn in Nordeuropa das Startzeichen für eine Symbiose des Christentums mit der Wikingertradition, erzürnte aber seinen Sohn Sven Gabelbart, einen Wikingerhaudegen alter Façon, so dass König Harald 986 nach Kämpfen mit seinem Sohn vor Bornholm zur Jomsburg auf Wollin fliehen musste, wo er kurz darauf starb. Der zur Sturmflut 1872 aufgetauchte Goldschatz von Hiddensee und der vor zwei Jahren von den beiden Neuenkirchenern Luca Malaschnitschenko und René Schön auf dem Schaproder Kirchenacker gefundene Silberschatz könnten auf Harald Blauzahn als ersten namentlich bekannten Christen hinweisen, der als königlicher Flüchtling die Inselküste passierte. Beim Schaproder Silberschatz wurde Wikingerschmuck gefunden, aber auch 500 bis 600 teils zerhackte Münzen, von denen mehr als 100 Münzen der Regentschaft des legendären Dänenkönigs Harald Blauzahn entstammen.
Durch den Silberschatz vom Pfarracker hängt Schaprode mit einer Sternstunde der nordeuropäischen Geschichte zusammen. Bereits frühere archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass hier, dem einzigen natürlichen Hafen an der Westküste, schon in Slawenzeit ein neben Ralswiek wichtiger Hafen der Ranen befand. Schon der Ortsname heißt übersetzt „Ort an der Fähre“. Im Laufe des 12. Jahrhunderts wurde Schaprode vier mal zum Einfallstor der dänischen Christianisierungsversuche. Schließlich landete im Mai 1168 vermutlich auf Wittow ein Heer unter Führung des Bischofs Absalon von Roskilde und belagerte die Tempelfestung Arkona, die kapitulierte. Dann verhandelte Granza, aus Granskevitz, ein slawischer Edler, mit der Hauptfestung Charenza, die sich nach neuesten Forschungen am Venzer Burgwall befand. Auch Charenza wurde kampflos übergeben. Die Rügenfürsten Jaromar und Tetzlaw ließen sich taufen und so begann schrittweise der Übergang zum Christentum. An die Ereignisse des Jahres 1168 erinnert die berühmte Inschrift hier am Kanzelaufgang: „Anno 1168 als der Fürst Jaromar in Rügen regierte, hat sich dies Land völlig zu Christo bekehrt.“ Die Dänen brachten die damals aus Frankreich stammende romanische Bauweise mit auf die Insel. Der älteste Teil aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts umfasst den romanischen Chorraum mit Apsis, den die neueste Auflage des Denkmalinventars Dehio als das „schönste erhaltene Beispiel romanischer Baukunst auf Rügen“ bezeichnet. Über den Rundbogenfenstern der Apsis und dem Traufgesims des Chordaches befindet sich ein gekreuzter Rundbogenfries mit Gesichtskonsolen. Die Lisenen an der Ostseite der Apsis enden in Köpfen aus Kalkstein. Schaprode war eine dänische Kolonie mit einer Burg. Seine dänischen Verwandten – Peter Bang, der Bischof von Roskilde, und Jacob Erlandson, der Erzbischof von Lund – fanden bei ihren Kämpfen mit dem dänischen Königshaus ab 1259 zeitweise bei ihren Schaproder Verwandten Asyl. Erzbischof Jacob Erlandson verstarb hier in Schaprode kurz nach seiner Rehabilitierung 1274 und wurde im Dom zu Lund beigesetzt. Rügen gehörte bis in die Reformationszeit zum dänischen Bistum Roskilde.
Die zweite Blüte in der Geschichte des Ortes war die Zeit der Wallfahrt Ende des 15. Jahrhunderts, kurz vor der Reformation, als in der Kirche eine Marienfigur verehrt wurde. Aus dieser Zeit stammt das Triumphkreuz mit Maria und Johannes neben dem gekreuzigten Jesus. Im Dreißigjährigen Krieg floh die Gemeinde nach Hiddensee. Als die Schaproder zurückkamen, war die Kirchenausstattung zerstört und der Wiederaufbau dauerte fast ein Jahrhundert. In dieser Zeit waren die großen Güter Schwedisch-Vorpommern die Kornkammer Stockholms, und es gab einen weiteren Trumpf, die Segelschifffahrt. Schaproder Seefahrer fuhren mit ihren Segelschiffen bis nach Frankreich, Spanien und Italien und brachten dem Ort Wohlstand. Die Segelschifffahrt und die Agrarkonjunktur im 18. Jh. ermöglichten die dritte Blütezeit Schaprodes mit der qualitätsvollen Barockausstattung der Kirche durch Stralsunder Künstler. Mit der Seefahrt hängt auch die vierte Blüte zusammen, seit der Schaproder Hafen vor 100 Jahren zum Eingangstor von Hiddensee geworden ist.
Dringend erforderliche Sanierungsabeiten stehen an. 2021 startet der erste 1. Bauabschnitt am Mauerwerk und den Fialtümchen in einer Gesamthöhe von 65.000 Euro. 40.000 Euro konnten über den Rügener Landtagsabgeordneten Holger Kliewe über die CDU-Landtagsfraktion beim Strategiefonds des Landes beantragt werden. Die restlichen Fördermittel kommen vom Kirchenkreis Stralsund (Patronatsmittel) und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie als Spenden von Einheimischen und Touristen. Damit nicht wieder jahrelanger Stillstand eintritt, soll sich gleich unmittelbar der weit umfassendere 2. Bauabschnitt in Höhe von 275.000 € anschließen, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist. Dieser umfasst dann die Stabilisierung der Außenwände, die Sanierung des Mauerwerks sowie der gerissenen Gewölbebereiche mit Überfassung. Das Westportal soll wieder geöffnet werden und mit Windfang und Anrampung einen barrierefreien Zugang ermöglichen. Außerdem soll der Eingangsvorbau Nord saniert werden. Eine automatisch gesteuerte Abluftanlage im Dachraum soll das Raumklima nachhaltig verbessern.
Ungezählte Touristen erkunden die Kirche, die von April bis Oktober täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet ist. Da steht auch mal im Gästebuch: „Wir haben die Fähre verpasst und dafür diese prachtvolle Kirche und den wunderschönen Ortskern Schaprode entdeckt.“ Martin Holz

 

>>> rügen aktuell-Einkehrtipp: Sollten es die Bestimmungen erlauben: Nach einem Spaziergang durch Schaprode empfiehlt sich ein Besuch von Schillings Gasthof mit angrenzendem Hofladen gegenüber der Kirche in Richtung Hafen. 

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