Bedeutender Marktflecken in der Inselmitte

Die Geschichte der Inselhauptstadt Bergen

Der Standort des wohl ältesten Gebäudes am Markt in der Inselhauptstadt Bergen – „taberne in gora“ – befand sich an markanter Position. Der spätere zweite Standort ist der heutige Ratskeller. Hier befand sich der Krug und Räumlichkeiten der Ratsherrlichkeit. Wo heute die Post von 1891/92 steht, befand sich der im frühen Mittelalter angelegte Marktpfuhl. Das darauf folgende Hochständerfachwerkhaus des Bäckermeister Benedix wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts erbaut. Die Häuser der Ostseite des Marktes wurden als „ganze Häuser“ bezeichnet und dienten auf Grund der Lage angesehenen Familien, die im fürstlichen Dienst standen. Auf dem Weg zur Burg an der Vieschstraße lagen ein Krug und der Ausspann, später der „Stern“ und „Zum Rugard“. Große Brände, zum Beispiel im Jahr 1445, zogen den Marktbereich mit der Kirche in Mitleidenschaft. 1538 fielen wiederum 55 Bauten im Marktbereich den Flammen zum Opfer. Der Brand von 1690 vernichtete nicht nur das Rathaus, sondern auch das Gedächtnis von Bergen, das Stadtarchiv. Der Brand von 1726 vernichtete 64 Häuser. Nur ein Zufall rettete das 1613 begonnene Bürgerbuch. Ein weiteres Unglück für Bergen war die Pest im 30-jährigen Krieg zwischen 1626 und 1630, wo nach Angabe mehr als 50 Prozent der Einwohner starben. Ebenso wirkte sich die napoleonische Fremdherrschaft im beginnenden 19. Jahrhundert negativ auf die Entwicklung aus. Die zentrale Bedeutung des Marktes ist auch an den strahlenförmigen Zufahrten zum Markt erkennbar. Die Raddasstraße, die in die Heide führte, gewann mit dem Bau des
Lietzower Dammes nach 1868 an Bedeutung.
Im 18. Jahrhundert wandelte sich das innere Stadtbild. Das Schloss war verschwunden, ebenso die Klostergebäude. Dafür wurde 1708 das schwedisch königliche Amtshaus errichtet und um 1732 die Stiftsgebäude im Kloster. Das Rathaus wurde als zweistöckiges Fachwerkgebäude an historischer Stelle erbaut. Bergen besaß ein Hospital, Chirurgen und zwei Apotheken. Die Bürger übten mehrheitlich ein Handwerk aus oder waren Kaufleute, nebenbei unterhielten sie oft eine kleine Landwirtschaft. Bergen war eine Acker-Bürger-Stadt. So konnten die Bergener Bürger in schlechten Zeiten auf eine Selbstversorgung zurückgreifen. Dazu kamen noch 13 selbstständige Fischer. 1780 zählte Bergen 1374 Einwohner und 1861 waren es 3.647. Das 1838 erbaute Amtsgericht festigte Bergen als Gerichtsstandort für Rügen und stärkte den 1806 geschaffenen eigenständigen „Landkreis Rügen“. Sitz des Landrates wurde das neu erbaute Kreishaus in der Billrothstraße. Mit der Industriealisierung im 19. Jahrhundert und dem Anschluss 1883 von Bergen an die Großbahn Deutschlands, setzten wiederum Veränderungen ein wie der zunehmende Tourismus. Übrigens eine 1896 eingeweihte Kleinbahn ausgehend von Bergen, über Patzig, Wittower Fähre bis nach Altenkirchen diente vorrangig dem Transport von Gütern. Der Betrieb wurde ab 1970 eingestellt. Ein neues Rathaus mit einem „deutschnationalen Museum“ wurde 1878 an der Ostseite des Marktes erbaut. Dem Bau des neoklassizistischen bürgerlichen Spalding- Jacobschen Jungfrauenstiftes in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte nach 1913 der im Jugendstil geprägte zweite Bauabschnitt. 1891/92 erbaute Maurermeister Freese auf dem trocken gelegten Marktpfuhl das Reichspostgebäude, dem 1913 ein Anbau für Telefonie folgte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es um Bergen herum noch 14 Mühlen. Die Zahl der Kaufleute erhöhte sich zwischen 1852 und 1860 um 13 auf 30 und es gab 18 Gastwirtschaften.
Entscheidend für den industriellen Fortschritt war auch die Strom- und Wasserversorgung, die mit dem Bau eines städtischen Wasser- und Elektrizitätswerkes 1898/99 die Lebensqualität entscheidend verbesserte. Die Einwohnerzahlen entwickelten sich von 1.871 mit 3.616 bis 1933 auf 5.507 Einwohnern. In der Mitte des Marktes befand sich der sogenannte Marktscharren. Hier hatten die Fleischer ihre Stände. Außerdem fanden die Spritze und die Nachtwächter hier Quartier, ebenso eine Arrestzelle. Auf dem Markt stand der „Kaak“, der Schandpfahl zur Schaustellung von Verurteilten. Ende des 19. Jahrhundert wurde der Scharren abgetragen.
Auf dem Bergener Markt traf sich Rügen zum Handeln und sicherlich auch, um gesehen zu werden und zu politisieren. Hier wurden Jahrmärkte und Wochenmärkte abgehalten wie ein Foto um 1910 zeigt. Es gab kaum ein Haus in Bergen, welches keinen kleinen Laden beherbergte. Die Nationalsozialistische Ära nutzte den Platz für ihre Aufmärsche und nannte den Markt in „Platz der SA“ um. Er war großflächig mit Kopfsteinpflaster und breiten Laufspuren belegt. Zur Zierde wurden Linden gepflanzt. Nach 1949 entwickelte sich Bergen als Industrie- und Handelsstandort weiter. Neben der volkseigenen Fleischwirtschaft, Brot- und Backwaren, der Molkerei gab es das Wohnungsbaukombinat (WBK). Zwei Wohngebiete
entstanden vor Bergen und eine Wohnsiedlung. Zu DDR-Zeiten wurde das bürgerliche Jungfrauenstift zur Poliklinik (Ärztehaus mit sozialen Einrichtungen). Davor legte die Stadt eine kleine Parkanlage mit einem Springbrunnen an. Zum Verweilen waren Bänke aufgestellt. Die Linden dort stehen dankenswerterweise heute immer noch.
Nach 1990 erfolgte die historische Rückbenennung zum „Markt“ und eine komplette Neukonzeption des Marktes. Ein Bildungspool ist das vor einigen Jahren erbaute Medienzentrum auf dem Markt und die 1913 eingeweihte Arndt-Realschule – das heute rügensche Arndt-Gymnasium am Raddas. Mittlerweile gibt es in der Bahnhofstraße das Einkaufszentrum „Seifertsche Märkte“ – neben diversen Discountern um Bergen herum. Rotensee und Bergen-Süd sind schon fast eigene Satellitenstädte mit funktionierender Infrastruktur. Nach 1990 wurden auch in Bergen zahlreiche Großbetriebe abgewickelt. Die Einwohnerzahlen gingen von 20.000 auf 13.000 zurück. Mit der Bildung des neuen Kreises „Vorpommern-Rügen“ verlor 2012 Bergen den Status einer Kreisstadt. Bergen ist heute der Gesundheits- und Schulstandort für Rügen. Zahlreiche kleine Unternehmen mit prägender Individualität sind ein fester Bestandteil des positiven Wirkens vor Ort. Erkenntnisse über Bergen vermittelt das kleine, jedoch feine Stadtmuseum auf dem Klosterhof.
Text: Kürschnermeister Uwe Hinz

Führungen zur Geschichte Bergens mit dem Kürschnermeister Uwe Hinz nach Absprache möglich:
Anmeldungen: firma-hinz@web.de, Tel. 03838/252808 (Firma) sowie Tel. 03838/308485 (privat) 

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