Dieter Naumann: Rügener Sammelsurium. Elmenhorst: Edition Pommern 2019, 254 Seiten, ISBN: 978-3-939680-52-9 Softcover, 22,90 Euro | Cover: Edition Pommern, 2019 | Softcover Book Mock-Up by massdream.net

Rügener Sammelsurium

Geschichte und Geschichten von Deutschlands größter Insel

Unendlich groß scheint inzwischen die Zahl von Rügen-­Büchern geworden zu sein, aber so eines hat es bisher noch nie gegeben! Ein „Sammelsurium“ von 49 Geschichten überrascht mit ungewöhnlichen Themen, die alle ausgesprochen gut recherchiert worden sind. Der Autor dieses Buches,
Dr. Dieter Naumann, hat früher als Polizeilicher Fallanalytiker in einer Mordkommission der Kriminalpolizei gearbeitet. Das spürt man nicht nur in den historischen Kriminalfällen, wie „Der Fall Tessnow“, „Der Kindesmord zu Rappin“ und der Geschichte der „Mordwangen“, sondern letztlich in allen Geschichten.
Hinzu kommt der Humor, sodass man nicht nur immer wieder Staunen muss, was der Autor ausgegraben hat, sondern auch oft genug Schmunzeln und Lachen darf – etwa über „De rügenschen Frätsäck“, von denen ein Bischof vom Festland schon vor 500 Jahren sagte: „Will’s Dir nicht gelingen sieben Malzeiten zu verschlingen, und einen Käse Zentnergewichts, giltst Du auf Rügen nichts“. Ebenso groß scheint sich später die Vorliebe für Branntwein und Bier entwickelt zu haben, denn augenzwinkernd wurde gern gesagt: „Wat bruken wi Alkohol, solang wi Bier und Bramwien hewwen.“ (vgl. „Krüge und Krüger auf Rügen“). So soll ein wider die Trunksucht wetternder Pastor auf Rügen die Sanduhr seiner Kanzel – so wie man sie heute noch in der Kasnevitzer Kirche bewundern kann – mit dem Spruch gedreht haben: „Ei, so lasset uns denn noch ein Gläschen genehmigen.“
Spannend und überraschend auch die Geschichten und Besonderheiten beim Entstehen der Neuzeit im Spiegel der Bekämpfung der Seehunde und Wölfe, der Entwicklung der Zeitmessung, der Wasserversorgung bzw. „de Waterspurluide“, der Brandbekämpfung und der Feuerwehr, der Seenotrettung, der Elektrifizierung, der Ballonfahrten, des Theaterbetriebs, des Hotelwesens, des Bäderbetriebs, der Verkehrserschließung und des Flugwesens. Beklemmende Themen wie zum Beispiel der 1831 erfolgte Bau der „Cholera-Quarantänestation“, „Der erste Weltkrieg auf Rügen“ sowie der im 19. Jahrhundert erschreckend tief verwurzelte Antisemitismus („Keine Wiener Juden!“) machen hingegen betroffen.
Jedes der vielen Themen birgt auch für die ausgewiesenen Rügen-Kenner immer wieder Überraschendes und Humorvolles – herrlich die Schilderung von Originalen wie dem „Münchhausen von Rügen“ und dem Leuchtturmwärter Schilling auf Arkona, köstlich die Darstellung der Tradition, dass ein neuer Pastor die alte Pfarrwitwe heiraten musste, um die begehrte Stelle zu erobern: „Willst Du die Pfarre, nimm erst die Quarre!“ (wobei mit „Qarre“ ein „zänkisches und keifendes Weib“ gemeint ist). Ebenso heiter liest sich das Kapitel über die Tradition der „Freywerberey“ auf dem Mönchgut, wo es den wohlhabenden Jungfrauen gestattet war, sich – oft in mehreren Versuchen – den begehrten Bräutigam auszusuchen.
Kurzum: Dieses Buch ist ein Hauptgewinn sowohl für jeden, der zum ersten Mal unsere Insel besucht, als auch für alle, die sie schon seit Jahrzehnten lieben. In der hoffentlich bald erscheinenden Nachauflage wäre die Hinzufügung von Personenregister und Ortsregister eine sinnvolle Ergänzung.

Reinhard Piechocki

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