„Ich kann Künstler gut aushalten“

Als Kuratorin, Autorin und Mediatorin wirkt Susanne Burmester auf Rügen

Susanne Burmester ist in England geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in einer Künstlervilla
in Worpswede. Sie hat Kultur- und Kunstwissenschaften in Hamburg und Bremen studiert. Seit 1991 lebt sie auf der Insel Rügen. Hier arbeitet die 62-Jährige heute als Galeristin, Kuratorin und Projektmanagerin, widmet sich nach wie vor Kultur, Kunst und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Als Autorin ist sie Mitglied im Deutschen Journalistenverband – außerdem Künstlerische Leiterin der Galerie CIRCUS EINS in Putbus. Seit 2017 ist sie Mediatorin der deutschen Pilotphase der Neuen Auftraggeber für die Region Mecklenburg-Vorpommern und begleitet dort Bürgergruppen.

Was ist gute Kunst für dich?
Ich bin an Kunst interessiert, die ich selber nicht verstehe. Etwas, das ich anschaue und alles ist sozusagen sofort klar und durchschaut, interessiert mich nicht. Ich möchte lernen. Ich bin immer neugierig gewesen, habe keine Angst und lasse mich auch gern mal erschrecken. Und so freue ich mich über Kunst, die Rätsel und auch Unsicherheiten mitbringt. Deren Schöpfer will ich fördern.

Du hast den Anspruch geprägt, im „Sommer die Kunsthitze in Putbus zu erhöhen“. In diesem Jahr habt ihr sogar den Circus erobert. Mit einem Teil der Ausstellung LEERE/FÜLLE zeigen sieben Künstlerinnen und Künstler, darunter Rikuo Ueda aus Japan, Arbeiten auf dem Rondell.
Ja, wir wollten gucken, wie es ist, wenn wir auf dem Circus in die Felder reingehen. Theoretisch könnten die Leute jetzt dort auch Picknick machen. Kunst im öffentlichen Raum wird immer wichtiger. Da gibt es keine Museumsschwelle, man muss sich nicht an der Galeristin vorbei trauen. Die Künstlerinnen und Künstler haben sich mit ihren Arbeiten entweder auf den Platz und seine Architektur oder auf das Thema Natur und ihre Zerstörung bezogen.

Wie suchst du Protagonisten für deine Galerie aus?
Ich folge Empfehlungen, fahre Künstlerinnen in ihren Ateliers besuchen. Ich schaue mir einfach viel an, gucke, was die Kollegen machen. Ich werde oft in Jurys eingeladen und kenne halt sehr viele Leute in ganz Deutschland, die mittlerweile natürlich auch wissen, wie ich ticke.

Und wie tickt Susanne Burmester?
Ich will Sachen ermöglichen. Seit 2006 stelle ich Künstlerinnen und Künstler auf Rügen vor, mit denen mich oft eine jahrelange Beziehung verbindet. Ich begleite ihre Entwicklung mit Einzelausstellungen und Gruppenausstellungen. Klar, höre da auch auf mein Bauchgefühl. Dabei bin ich in meiner Arbeit schon immer sehr freigiebig mit Informationen, zum Beispiel wie Preise gemacht werden und anderes. Diese Offenheit ist nicht selbstverständlich in der Branche. Ich kann sehr gut organisieren, mich selbst übrigens auch – und ich möchte
als Kuratorin, dass sich Künstlerinnen und Künstler gut unterstützt fühlen.

Du bist in der Szene als gute Gastgeberin bekannt.
Ja, diese Gastgeberschaft ist mir sehr wichtig. Erst kürzlich war ich mit einem Künstler im Baumarkt in Sassnitz. Er brauchte Holz für seine Installation auf dem Circus. Da packe ich ganz selbstverständlich mit an. Oder ich stelle meine Kontakte zur Verfügung – je nachdem, was gebraucht wird. Außerdem gibt es nach Projekten mit den Beteiligten oft ein großes Essen bei uns. Mir ist wichtig, dass Künstlerinnen und Künstler gut arbeiten können. Viele sind dankbar und sagen dann auch, dass sie sich bei uns richtig wohl fühlen. Es entsteht so etwas wie ein family-feeling.

Putbus gilt als Kulturhauptstadt der Insel. Und doch gibt es kritische Stimmen, die sich mit Ideen zurückgewiesen fühlen und vor allem Unterstützung seitens der Stadt vermissen. Wie ist da deine Sicht?
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die jammern, dass es kein Geld gibt. Wichtig sind Neugierde, mehr Offenheit, mehr Expertise. Die Kunst ist frei. Wir brauchen vor allem gute Bedingungen, um zu arbeiten. Da geht es nicht nur um das Finanzielle, auch um Genehmigungen, das Zusammenwirken mit Ehrenamt und Privatwirtschaftlichem. Die Stadt sollte offenere Strukturen schaffen, dass wir noch besser arbeiten können. Meine Erfahrung ist, dass man mit interessanten Ideen, gute Fördermittel beantragen kann – auch international. Mittel, die dann wiederum hier Ergebnisse zeigen. Und Geld nach Putbus bringen.

Ein Wort zum Publikum. Hat es sich verändert?
Heute hat jeder sofort eine Meinung. Es gibt kaum noch Toleranz gegenüber mehrdeutigen Sachen. Dennoch sage ich, dass Kunst gerade jetzt wichtig ist. Wir brauchen mit Sicherheit andere Formen. Es reicht heute nicht mehr, Kunst an die Wand zu hängen und die Tür der Galerie aufzuschließen. Wir brauchen partizipative Kunst. Werke, die man anfassen, wo man vielleicht hineingehen kann, keine so hochgestochenen Reden. In unserer Galerie zum Beispiel reden die Künstler oft selbst und erklären den Besuchern ihre Arbeiten. Jeder kann Kunst verstehen, davon bin ich überzeugt.

Stichwort „La Grange“. Du warst damals Mitbegründerin dieser Initiative. 2013 ist unter dem Namen ein Verein zur Förderung von Kunst und Kultur auf Rügen entstanden. Bis heute für viele ein wichtiger Hot Spot ausgefallener Kunst-Impulse.
Ja, mir war immer wichtig, dass die junge Szene stärker wird. Deshalb fördere ich, wo ich kann. Ich begleite ja seit 1993 Ausstellungen zeitgenössischer Kunst auf Rügen. Und ich erinnere mich, wie überrascht ich war, als ich die Leute von La Grange kennenglerent habe. Da war diese junge, intelligente, neugierige Kulturszene auf der Insel, die bis dahin für mich unsichtbar war. Ich hatte damals das Gefühl, endlich richtig auf Rügen angekommen zu sein. Es war eine spannende Zeit.

Künstler sind ja eine ganz eigene Spezies. Du hast mal gesagt, dass du Künstler gut aushalten kannst.
Ja, das kann ich tatsächlich. Einfach, weil ich bewundere, was sie können. Mein Vater war Musiker, ich bin in Worpswede in einem sehr offenen Haus groß geworden, in dem immer viele Künstler ein- und ausgingen. Das hat mich und meinen Weg geprägt. Mit meiner Arbeit als Kuratorin, Autorin und Mediatorin kann ich beitragen, sichtbar zu machen, was wirklich wichtig und gesellschaftlich relevant ist. Mir macht das große Freude.

Text: Ina Schwarz

Weitere Infos unter:
www.susanneburmester.de
www.circus-eins.de

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