Der Rügenmaler Heinrich Herrmann

Rostocker Arzt hat Buch über den „Eisverkäufer von Juliusruh“ geschrieben

Fischer, Boote, Wellen, Inselorte, Landschaften, darunter die Kreidefelsen, das Kap Arkona, die Tromper Wiek. Der gebürtige Laubnitzer (heute Lubanice in Polen) Heinrich Herrmann liebte Rügen. Mit Pinsel, Farben und Maluntergründen war er in den 50er und 60er Jahren auf der Insel unterwegs. „Viele Aquarelle und Ölbilder hängen in den Wohnungen von Rüganern. Unzählige Grafiken aus seiner Hand sind im Umlauf“, weiß der Internist und Autor Hartmut Gill aus Rostock. In der Vergangenheit hat er Bücher über den Rügenkeramiker und Bauhaus-Schüler Wilhelm Löber und den Grafiker Jochen Bertholdt sowie das Werk „Rostock Gestern-heute-morgen“ für den Hinstorff Verlag verfasst. Nun hat er dem 1963 verstorbenen Künstler Herrmann ein Buch gewidmet und es selbst herausgegeben. Der gebürtige Rostocker hat ihn noch persönlich kennenlernen dürfen. „Ich habe bei ihm oft Eis in seiner Eisdiele in Juliusruh gekauft, heute das Strandcafé“, kann sich der 64-Jährige noch gut an ihn erinnern. Humorvoll, charmant und gutaus­sehend soll er gewesen sein. Urlauberinnen sollen ihn angehimmelt haben.

Hartmut Gill ist in den zurückliegenden Jahren tiefer in sein Leben eingetaucht, hat mit Zeitzeugen gesprochen und in Chroniken und Büchern gestöbert. Was er herausgefunden hat, hat er aufgeschrieben. So hat Heinrich Herrmann nach einer Kaufmannslehre ein Studium in freier und angewandter Kunst aufgenommen. Er beherrschte grafische Techniken.
Als Ölmaler war er Autodidakt. In den Jahren 1938 und 1939 begann er eine Ausbildung in Berlin-Steglitz, um eine Eiskonditorei betreiben zu können. Im Jahr 1946 stellte er bei der Industrie- und Handelskammer einen Antrag auf die Wiedereröffnung der Eiskonditorei in Juliusruh. Zeitlebens legte er Farben und Pinsel nicht aus der Reichweite. Er liebte die Kunst. Herrmanns Vorbild war der Künstler Karl Hagemeister (1848 – 1933), der mehrere Studienreisen nach Rügen unternahm und hier unter anderem Buchen am Steilhang von Lohme und große Wellenbilder bei starkem Sturm malte. Inspiriert von seinen Bildern, setzte Heinrich Herrmann seine Malweise fort. In Lohme lernte er seine spätere Frau Gertrud kennen. Ihr Vater war Direktor einer Hilfsschule in Berlin-Weißensee. Seine Begeisterung über die Beziehung seiner Tochter zu einem mittellosen Künstler hielt sich in Grenzen. Heinrich Herrmanns Wunsch, auf Rügen leben und malen zu können, teilte sie nicht. Doch er liebte Deutschlands größte Insel. Im August 1934 schrieb er an die Güter- und Klosterverwaltung in Stralsund, dass er ein Grundstück in Juliusruh kaufen wolle, um hier eine Existenz zu gründen. Am 3. Dezember 1934 erhielt er eine Zusage. Sein Schwiegervater unterstützte ihn finanziell. Zwei Jahre später war seine Ehefrau Gertrud Eigentümerin eines Juliusruher Hauses und Grundstücks. „Bereits zu Beginn seines Aufenthaltes entstanden Wellenbilder. Seine frühen Darstellungen von Schiffen wurden nach Hinweisen von Einheimischen von ihm wieder korrigiert, da die Segel verkehrt standen“, weiß Autor Hartmut Gill. Die ersten Ausstellungen folgten. Im Sommer lebte Heinrich Herrmann in Juliusruh, im Winter in Berlin. Er besaß eine Leica-Kamera. Nach dem Krieg fertigte er in Berlin Fotos an. Seine neue Partnerin Margarethe Markgraf – sie kamen sich in einem Luftschutzkeller in Berlin näher – war Fotolaborantin. Der Wunsch nach gemalten Porträts kam auf. Russische Soldaten wollten sich mit ihren Orden abbilden lassen.
Doch Heinrich Herrmann fotografierte und malte nicht nur, sondern hatte auch einen Hang zur Medizin. So richtete er im Flur seines Berliner Hauses ein provisorisches Lazarett ein und malte ein großes rotes Kreuz an die Hauswand. Zu seinen engsten Vertrauten gehörten die Künstler Werner Klemcke (1917 – 1994) und der Nationalpreisträger Hermann Hensel (1898 – 1974). Er wurde Mitglied der Kammer der Kulturschaffenden und des Kulturbundes. Im Jahr 1946 kehrte Heinrich Herrmann nach Juliusruh zurück. Er fand sein Haus geplündert vor. Ein großer Pferdeschlitten diente als Ersatz für sein gestohlenes Bett. „Zunächst wohnte er bei der Familie Heiden in der Post neben der Breeger Schule“, kann Hartmut Gill berichten. Je nach Material- und Geldeingang wurde das Haus dann allmählich vergrößert und im hinteren Teil um eine Veranda erweitert. Letztlich lebte er einvernehmlich in einer Dreierbeziehung mit Gertrud und Margarethe.
Heinrich Herrmann nahm die Eisproduktion in seinem Haus wieder auf. „Er erwarb die Erdbeermarmeladen-Eimer ebenso wie die Immergut-Vollmilch im gegenüberliegenden Konsum“, weiß Hartmut Gill. Die Bauern der Umgebung sorgten für die nötigen Eier und die Sahne. Margarethe stellte das Eis her und verkaufte es von Mai bis September zusammen mit den Frauen des Dorfes. So konnte sich Heinrich Herrmann dem Malen widmen. Aquarelle, Ölbilder und Klappkarten mit Motiven der Region entstanden und fanden in der warmen Jahreszeit guten Absatz. Im Winter fertigte er in seinem Atelier Radierungen und Stiche an. Nach seinem Tod am 20. November 1963 – er wurde von einem Sanitätswagen der sowjetischen Armee überfahren und in Bobbin beerdigt – führte seine Partnerin Margarethe das bereits im Haus existierende Buch- und Kunstgewerbe fort. Zusammen mit dem ehemaligen Bauhaus-Schüler und Mitinitiator der Fischland-Keramik Wilhelm Löber (1903 – 1981) gründete sie die Rügen-Keramik.

Das 72 Seiten umfassende, im Dezember 2020 bei rügendruck in Putbus gestaltete und gedruckte Werk ist ein hervorragendes Geschenk für kunstinteressierte Rügenfans und ein Muss für alle, deren Wände Bilder von Heinrich Herrmann zieren. Es enthält zahlreiche Naturstudien, Porträts, Aquarelle und Ölbilder, die den besonderen Wert des Buches ausmachen.

Erhältlich ist „Der Rügenmaler – Heinrich Herrmann“ zum Preis von 14,95 Euro im Handel und unter
hartmutgill@me.com und bertkunath@yahoo.de.

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