Das weiße Schloss am Meer

Berliner Bankier ließ eines der wertvollsten Schlösser Norddeutschlands errichten

Wer an Schloss und Rügen denkt, dem kommt häufig zuerst Putbus in den Sinn. Längst ist nicht allen bekannt, dass es auch am Rande der Hafenstadt Sassnitz ein Schloss gab. Und zwar sogar eines der wertvollsten Schlösser Norddeutschlands. Es bestand aus französischem Sandstein, schwedischem Granit und Marmor. Besitzer war Bankier Adolph von Hasemann aus Berlin, ein mittelgroßer Mann mit langen, im Nacken gelockten Haaren und einem Vollbart. Ein verträumtes Buchenwäldchen am Steilufer zwischen Sassnitz und Mukran schien ihm im Februar 1873 ein geeigneter Platz für sein Sommerdomizil. Er schwärmte von der schönen Aussicht in Richtung Ostsee, vom herrlichen Ausblick in Richtung Park und Wald. Er beauftragte seinen Freund Friedrich Hitzig mit der Planung, Architekt und ebenfalls aus Berlin stammend. Das Material für den Bau, für den Adolph von Hansemann einheimische Firmen verpflichtete, konnte wegen der günstigen Lage des Bauplatzes unmittelbar am Ufer der Ostsee vom Schiff über das hohe Steilufer direkt zur Baustelle befördert werden. Das Schloss war ein quadratischer, zweigeschossiger Bau, an dessen Seiten sich Säulengänge befanden, die in offenen, tempelartigen Pavillons endeten. Die Säulenhalle offenbarte herrlichste Wandmalereien unter einem aus sechs Paar dorischen Säulen bestehenden Tonnengewölbe. Ornamente in den schönsten Formen in Arabeskenmanier, vermischt mit verschiedenen Tiersymbolen.
Über eine zweiarmige Treppe ging man von der Terrassentür auf den mit Steinfliesen verzierten Fußboden der Vorhalle. Die sechspaarigen polierten Granitsäulen ergaben zusammen mit der Ostsee eine faszinierende Kulisse. Auch der Marstall wurde nach den Plänen des Berliner Architekten Friedrich Hitzig um 1880 gebaut.
Hansemann hielt sich um 1884 und in den Folgejahren etwa fünf bis sechs Wochen jährlich in Dwasieden auf. Neben einigen Feiertagen oder wichtigen Jagdanlässen, verbrachte er mit seiner Familie Familie hauptsächlich den Sommer auf dem Schloss. Auch die deutsche Kaiserfamilie kam zum Urlaubsaufenthalt nach Dwasieden, ebenso Dichterfürst Gerhart Hauptmann. Sein Sohn Dr. Benvenuto Hauptmann feierte hier am 31. Juli 1928 die Hochzeit mit der Prinzessin Elisabeth Hermine Auguste Viktoria von Schaumburg-Lippe. Auch die Eröffnung der Fährverbindung Sassnitz und Trelleborg wurde 1909 auf dem Schloss gefeiert.
Enkel Gert von Oertzen erbte das Schloss 1917. Die Familie geriet infolge der Inflation in finanzielle Schwierigkeiten. Am 14. Mai 1935 erwarb die Gemeinde das Schloss mit seinem 600 Morgen großen Park für 200.000 RM, die es dann an die Marine verkaufte. Im Winter 1935/36 richtete sie eine Entfernungsmessschule ein. Massive Kasernenbauten entstanden. Der Stützpunkt Dwasieden wurde als modernste und anspruchsvollste Marine-Garnison in Deutschland gefeiert. Im Jahr 1945 diente Dwasieden als Flüchtlingslager, das Schloss war Verwaltungsgebäude der hier ansässigen sowjetischen Besatzung. Sassnitzer Frauen und Mädchen wurden zu Reinigungsarbeiten verpflichtet. Mitte 1948 erfolgte die Sprengung. In einer Mitteilung aus der Sitzung der Gemeinderäte heißt es dazu, „dass in Dwasieden Sprengungen vorgenommen werden, die der Ziegelgewinnung dienen“. Heute zeugen nur noch Ruinen von der einstigen Pracht.

Wer mehr über die wechselvolle Geschichte des Schlosses wissen möchte, kann an Führungen mit Ralf Lindemann aus Bergen teilnehmen. Der gebürtige Rüganer hat seine Armeezeit auf dem Gelände verbracht. Er ist Autor des Buches „Das weiße Schloss am Meer“. Termine sind der 1., 15. und 29. August, 12. und 26. September, 10. und 24. Oktober, 7. und 21. November sowie 5. und 19. Dezember. Treffpunkt ist jeweils um 10.30 Uhr am Ärztehaus (gegenüber vom ehemaligen Schmetterlingspark) in der Straße der Jugend in Sassnitz. Anmeldungen sind telefonisch unter 0152/37900691 möglich.

Weitere Informationen:
www.schloss-dwasieden.de

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