Noch nicht in Rente gehen

Rügener Kreidemännchen haben ein neues Zuhause gefunden

 

Was passiert mit einem Inselmaskottchen, wenn seine Erfinder in Rente gehen? Verschwinden
die kleinen weißen Glücksbringer einfach – oder finden sie ein neues Zuhause?

Die Rügener Kreidemännchen sind ein Stück Insel Rügengeworden: kleine, weiße Glücksbringer mit Geschichten – die viele Menschen bezaubern, die sie ins Herz geschlossen haben. Bereits sechsstellige Stückzahlen sind in den vergangenen Jahren verkauft worden und tummeln sich als Erinnerungen oder Dekoration in den Haushalten der Rügenfans. Reinhard und Marlies Jost haben die Kreidemännchen vor über 20 Jahren erschaffen und damit ein märchenhaftes Maskottchen der Insel„geboren”. Die Figuren sind längst mehr als Dekoration: Für viele stehen sie für Erinnerungen an die Insel, für Strandtage, für die Kreideküste – und für dieses typische Rügengefühl.

Dann kam der Moment, den jede gute Geschichte kennt: Reinhard und Marlies Jost gingen letztes Jahr in den wohlverdienten Ruhestand. Davor stand die Frage im Raum: Was passiert mit den kleinen weißen Männchen? Verschwinden sie still – oder bleiben sie auf der Insel lebendig? Ihre Wunschlösung fanden die beiden bei einem langjährigen Partner: der Alten Pommernkate in Rambin, direkt hinter den Eingangstoren zur Insel. Dort waren die Kreidemännchen bereits viele Jahre als regionales Produkt im Sortiment – und sollten es auch bleiben. So entschied sich Marco von Kessel die Produktion weiterzuführen. Nicht als Trend, nicht als „eine weitere Manufaktur”, sondern als bewusste Entscheidung: Dieses Stück Rügen soll bleiben. Reinhard und Marlies Jost begleiten den Übergang noch ein Stück weit, damit Handgriff, Qualität und Seele erhalten bleiben.

Wie sehr die Kreidemännchen den Menschen auf Rügen wirklich bedeuten, zeigte sich kurz nach dem Umzug besonders deutlich: „Kaum waren die kleinen weißen Männchen bei uns angekommen, erreichte uns eine E-Mail von Hobbyfotografin Corinna Schaak aus dem Norden der Insel”, erzählt Mortimer von Kessel von der Alten Pommernkate. „Sie ist seit Jahren Fan – und schrieb uns, wie sehr sie sich freut, dass die Kreidemännchen nicht einfach verschwinden, sondern weiterleben. Spontan lud sie die Figuren zum Fotoshooting ein – als kleines Inselzeichen: „Gut, dass ihr sie weitermacht.“ Und auch im Dachgeschoss des Bauernmarktes selbst ist die Reaktion eindeutig. Immer wieder bleiben Besucher vor dem Verkaufsregal stehen: „Ach guck mal, da sind die Kreidemännchen. Die sind ja süß!” Ein kurzer Moment – aber einer, der zeigt, dass hier mehr zu finden ist als nur ein Souvenir.

Seit kurzem kann man den Kreidemännchen auch wieder beim Entstehen zusehen: Nach über einem Jahr Pause ist die Schauwerkstatt aus Putgarten nun final ins Dachgeschoss der Alten Pommernkate umgezogen. Dort klebt Kreidestaub an den Fingern, Bernstein liegt sortiert in kleinen Schalen, Muscheln warten auf ihren Einsatz.
Hier wird aus der im Haus frisch gegossenen weißen Figur nach und nach ein unverwechselbarer Typ: Das Team „Kreidemännchen” verziert mit Bernsteinen,
Muscheln, Surfbrettern oder auch Donnerkeilen – bis am Ende „Bernsteinsammler”, „Hochzeitspaar”, „Rügensurfer”, „Donnerkeilträger” und viele weitere entstehen.

Rügener Handwerk bleibt auf Rügen – und ein Inselmaskottchen bekommt ein neues Kapitel. Für Gäste genauso wie für Einheimische. Die Nachfrage spricht für sich: Immer mehr Händler auf der Insel haben die Kreidemännchen inzwischen in ihr Sortiment aufgenommen. Denn manchmal braucht es keinen großen Anlass, um sich ein kleines Stück Heimat – oder ein Stück der Lieblingsinsel – aufzustellen. Nur einen Glücksbringer, der eine Geschichte erzählt.

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