Alles, was ich gemacht habe, hat mit Menschen zu tun!
1. September 2026Auf einen Kaffee mit Thomas Rehsteiner
Thomas Rehsteiner sagt von sich selbst, dass er seine Interessen gerne in aller Tiefe auslotet, doch wenn es für ihn langweilig wird genauso gerne weiterzieht. Als Marketingspezialist hat er für Werber und Banken in der Schweiz gearbeitet, doch auch eine Konzertagentur betrieben. Er war für ein Hospiz für Aidskranke tätig und hat als Psychologe Menschen begleitet, die Suizidgedanken hatten oder unter Internet-Sucht leiden. Immer hat er auch geschrieben und fotografiert, und noch als Dreißigjähriger eine Ausbildung an der Slade School of Fine Art in London absolviert. Vor einigen Jahren hat der Schweizer die Insel Rügen entdeckt und ist Teil der Rügener Kulturszene geworden, weil er immer neugierig ist. Wir treffen uns, nachdem er mit den Grafikern von rügendruck darüber nachgedacht hat, wie eine Weihnachtskarte aussehen könnte, in der sich die Lesenden selbst spiegeln.
Wie sind Sie auf die Insel Rügen gekommen?
Ich wollte meinen Geburtstag in Üselitz feiern, doch daraus wurde nichts, weil ich wegen der Pandemie nicht mehr reisen konnte. Dann bin ich halt zwei Jahre später gekommen. Weil ich mit dem Zug gereist bin, saß ich da draußen in Üselitz und hatte 70 Minuten zu Fuß nach Poseritz, um meine Einkäufe zu tun oder 40 Minuten bis zur Busstation in Swantow. Da war ich im Winter drei Wochen am Ort und habe die ersten Menschen hier kennengelernt. Auf dem Weg zum Bus bin ich durch Mellnitz gekommen. Obwohl die Vermieter mich gleich fragten, was ich denn ohne Auto im Winter hier machen würde, habe ich dort für das kommende Jahr eine neue Bleibe gefunden.
Was hat sie denn an dieser Region so fasziniert?
In einem Reisebericht hatte ich gelesen, dass die Kühe über die Wiek schwimmen würden, die als Kompensation für die Rügenbrücke wieder vernässt worden war. Die Kuh kam dann nicht, als ich dort war, aber ich erlebte schnelle Wetterwechsel, die ich sonst nur aus den Bergen kannte. Es konnte wunderbarer Sonnenschein sein und eine Viertelstunde später stand man unter einem Gebüsch, weil der Graupelregen niederknallte. Ein anderes Mal hat es während eines Spaziergangs so stark zu schneien begonnen, dass ich mich nicht mehr orientieren konnte. Also blieb ich stehen und erinnerte mich dann an den Bericht eines Freundes meiner Eltern, wie er zu Fuß aus dem Stalingrader Winter des Zweiten Weltkriegs zurückkehrte.
Wollten sie denn nicht erstmal schauen, was an der Ostseeküste los ist?
Dass es da die Ostseeküste gibt und die Bäderarchitektur und so weiter wusste ich. Aber erst im September letzten Jahres bin ich das erste Mal nach Binz rausgefahren. Auf einer geführten Wanderung nach Prora habe ich etwas über den historischen Hintergrund von den 1930er Jahren über die Zeit der DDR bis zum heutigen Investorenprojekt kennengelernt. Das ist vielleicht auch ein Grund für meine Bindung an die Insel: es gibt so viel Geschichte zu entdecken. Das findet man in dieser Form in der Schweiz nicht. Die Schweiz hat sich eigentlich seit dem Mittelalter nicht verändert.
Wie haben Sie sich auf Rügen eingelebt?
Es hilft wahrscheinlich, dass ich völlig unbefangen hier aufgeschlagen bin. Außer, dass Rügen zu Ostdeutschland gehört, wusste ich nicht viel. Es hilft mir auch, dass ich als Lernender hierherkomme. Was ich schätze an deutschen Menschen generell, ob ich jetzt in München bin oder in Hamburg oder hier sein darf, ist diese
Direktheit.
Sie haben erfolgreich Karriere gemacht, doch sich am Ende nie ganz darauf eingelassen.
In meinem erwerbsmäßigen Berufsleben war ich nie das, was man neo-kapitalistisch erfolgreich nennen würde. Also, ich habe mich immer ernährt, ich habe immer eine Reise machen können, doch nie Kapital angehäuft. Eine gute Freundin hat mich mit einer großen amerikanischen Werbeagentur zusammengebracht, doch als ich den Vertrag vor mir liegen hatte, wurde mir klar: wenn ich das unterschreibe, verkaufe ich mich. Jeden Freitag sind wir die größten Werber der Welt. Wir trinken Schampus und beweihräuchern uns gegenseitig, wie toll wir sind. Zu dieser Zeit habe ich mich aus dieser Leistungsentwicklung verabschiedet.
Und was haben Sie dann gemacht?
Es war völlig naiv, doch ich habe mit einem Projekt in Berlin mit dem ersten Auftraggeber eine Konzertagentur begonnen, obwohl ich überhaupt keine Erfahrung und keine Kunden oder ein Portfolio hatte. Er machte eine Oper am Theater des Westens zum Thema AIDS. Und anders als in der Schweiz, wo immer alle brav sind, habe ich in Berlin erlebt, wie ein mitgehendes Publikum sich gegenseitig anschreit, ob das jetzt toll ist oder total daneben. Das hat mir gefallen.
Verfolgen Sie einen Leitgedanken in ihren diversen Aktivitäten?
Sie merken schon zwischen den Zeilen: alles, was ich gemacht habe, hat mit Menschen zu tun. Auch der Schwerpunkt meiner Fotografie war die Auseinandersetzung mit Menschen, also vom klassischen Porträt über den Akt und den angezogenen Menschen. Ich habe unter anderem gefragt: Worin besteht die Individualität, wenn man nur noch 10 Quadratzentimeter Haut zeigt?
Sie wollen ihre gerahmten Fotografien auf die Insel bringen. Ist denn auch eine Ausstellung geplant?
Im Moment sind sie in der Schweiz, aber mit dieser mittelfristigen Idee, mehr hier zu Wohnen, würde ich gern eine Ecke finden, wo ich sie unterbringe. Es wäre hübsch, sie in der Nähe zu haben, damit ich sie zeigen kann, wenn jemand danach fragt.
Sie sind immer perfekt gestylt und mit Humor
gekleidet. Das ist eher untypisch für hier.
Einmal habe ich meine Nachbarin gefragt, wie sie mich wahrnimmst und sie hat geantwortet: „Sie sind einfach unser Herr Rehsteiner, der mit dem Hut und seinem Einkaufskorb zum Bus wackelt“. Und da habe ich mir gesagt: Dann bleib ich bei meinem Hut, bei meinem Korb und ich bleib bei meinem Schlips. Ich brauch jetzt nicht künstlich auf Landmann machen oder mich irgendwie anzupassen.
Welche Interessen verfolgen Sie denn aktuell?
Auch meine Freunde aus der Schweiz fragten, ob ich auf dieser Insel immer nur aus dem Fenster schau. Ich habe das bestätigt. Grundsätzlich schaue ich aus dem Fenster und dabei bewegt sich einiges in meinen inneren Fenstern. Kurz: ich bereite mich sorgfältig und umsichtig auf meine Heimkehr vor. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig pathetisch, aber es erklärt, warum ich nicht mehr so viel Neues erleben muss. Ich habe so viel erlebt, was ich noch nicht verarbeitet habe. Außerdem lese ich viel und schreibe regelmäßig. Ich habe schon zwei Büchlein mit Geschichten im Eigenverlag publiziert. Der Wunsch, auch mal eine große Geschichte zu schreiben, liegt in verschiedenen Haufen mit handgekritzelten Din A4-Blättern herum und vielleicht gestattet mir der Aufenthalt auf Rügen, dies doch mal noch in eine Form zu bringen.
Haben Sie einen Lieblingsort auf Rügen?
Also jetzt gerade hat es zu regnen begonnen. Es scheint mir auf Rügen, dass die Wetterlage auch im übertragenen Sinne sich in angenehmem Rhythmus schnell
ändert.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Susanne Burmester.
