„Einfach wegrennen, das wollte ich nie!“
2. April 2026Auf einen Kaffee mit Gregor Gysi
Gregor Gysi ist jemand, der Politik gut erklären kann und das ist heute selten geworden. Als Rechtsanwalt vertrat er unter anderem Robert Havemann, Rudolf Bahro und andere Regimekritiker. 1989 bis 1992 war er Parteivorsitzender der PDS und später Fraktionsvorsitzender der PDS und der Partei die Linke. Als Teil der „Mission Silberlocke“ hat er den Bundestagswahlkampf der Linkspartei angefeuert. Bis heute ist der 1948 geborene Gysi Mitglied des Bundestages..
Wir können Ihnen leider keine Currywurst, dafür aber einen guten Kaffee anbieten. Wo gibt es denn die beste Currywurst?
Das kann ich nicht sagen, denn dafür müsste ich überall welche probiert haben. In Berlin kenne ich aber gute Adressen: Im Osten bei Konnopke an der Schönhauser Allee, im Westen gibt es auch eine leckere Bude – in der Hauptstadt ist ja alles doppelt. Und wenn ich zu einem Spiel des FC Union gehe, dann kaufe ich mir immer eine Schale Currywurst. Die schmeckt gut.
Wer ist Hans-Dieter Schütt und was verbindet Sie?
Ich lernte ihn erst nach der Wende kennen. Er stammt wie ich aus dem Osten und wir sind ein Jahrgang. Aber ich bin sieben Monate weiser, er ist deutlich jünger. Er war er in der DDR an einer Stelle mit einem besonderen Grad an Einfluss, in gewisser Weise sogar Macht, während ich mir als Rechtsanwalt eine Nische suchte. Er hat ein Leben mit vielen Brüchen hinter sich. Das macht ihm Spaß, weil er ja nicht politisch verantwortliche Sätze sagen, sondern mich nur politisch verantwortlich fragen muss und immer offenlassen kann, wie seine eigene Meinung ist. Ich glaube, das gefällt ihm ganz gut, während es mir wieder besser gefällt, solche Fragen zu beantworten.
Beeinflusst es die Gespräche, was man isst und vor allem, mit wem man zusammen isst?
Was man isst, hat wohl eher weniger Einfluss auf Gespräche, es sei denn dem einen Gesprächspartner schmeckt etwas, was der andere auf den Tod nicht ausstehen kann. Wenn man zum Essen verabredet ist, wird die Gesprächsatmosphäre von vornherein meist etwas lockerer. Die Currywurst isst man ja meist eher im Vorbeigehen und wenn man gemeinsam am Kiosk steht, kommt dies und das zur Sprache bis hin zur aktuellen Politik. Das versucht Hans-Dieter Schütt bei den Veranstaltungen ein wenig nachzuempfinden, ohne dass wir dabei etwas essen. Es gibt immer neue Themen, über die wir sprechen – etwa den Krieg in der Ukraine oder das Verhalten der USA gegenüber Venezuela, Grönland und Iran. Schütt fragt mich oft nach dem Gesundheitswesen, dem Rentensystem und Ähnlichem. Zwischendurch kommen lockere und andere Fragen. Diese Mischung schätzen die Leute.
Warum ist es auch in der Politik manchmal wichtig, außerhalb offizieller Öffentlichkeiten,
Gespräche zu führen?
Wenn man gegenseitig Interessen ausloten will, um Kompromisse zu finden, ist es schon hilfreich, sich zunächst auch jenseits der öffentlichen politischen Auseinandersetzungen zu verständigen. Aber das darf eben nicht zur Hinterzimmerpolitik ausarten, in der alles ohne öffentliche Debatte ausgehandelt wird.
Sie sagen in Ihrem Buchtitel, dass ein einziges Leben für so jemanden wie Sie zu wenig ist? Warum? Was treibt Sie an?
Da ich jetzt 78 bin, übe ich ja nur noch fünf Berufe aus. Ich bin Berufspolitiker, Rechtsanwalt, wo ich übrigens auch immer mehr zu tun habe, ich bin Moderator, Podcaster und Autor. Ich muss nachdenken, wann ich mal doch einen Beruf abgebe. Ich habe den Wählerinnen und Wählern in meinem Wahlkreis versprochen, dass ich zum letzten Mal kandidiert habe. Also ab 2029 sind es dann definitiv „nur“ noch vier Berufe.
Wir beklagen uns heute oft über die Berufspolitiker, die kaum ein anderes Leben neben dem Bundestag kennen. Bei Ihnen ist das offenbar anders, hier ist das Leben auch die Kunst (der Politik).
Ist diese Wahrnehmung richtig?
Viele Menschen sagen mir, das sei selten: Entweder einer ist Komiker und macht nur Witze, oder er ist Politiker und bleibt ernst. Ich unterscheide mich, weil ich meine innere Souveränität gefunden habe. Ich sage immer meine Meinung, ohne lange zu überlegen, ob sie mit einem Vorstandsbeschluss meiner Partei übereinstimmt. Ich kann freier und schneller reagieren.
Wir kennen Sie als geborenen Öffentlichkeitsmenschen. Warum ist es so wichtig, wie man zu den Menschen spricht?
Das Entscheidende ist, das man verständlich ist und die Sprache der Drucksachen übersetzt. Die meisten Menschen haben keine Zeit, sich stundenlang mit Politik zu beschäftigen, wollen aber durchaus wissen, wie Entscheidungen zustande kommen und wie sie davon betroffen sind. Da muss die Politik ehrlicher werden, wenn sie nicht noch weiter an Glaubwürdigkeit verlieren will. Es bringt am Ende nichts, wenn Politikerinnen und Politiker Motive für Entscheidungen benennen, die mit den tatsächlichen nichts zu tun haben. Sie werden nur vorgeschoben, weil die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker glauben, dass sie bei der Bevölkerung besser ankommen. Die aber durchschaut dieses Spiel inzwischen mehr und mehr.
Warum bedeutete die so genannte „Wende“, auch eine Wende für Sie persönlich?
Mein Leben hat sich fundamental geändert, als ich im Dezember 1989 Parteivorsitzender wurde. Aus heutiger Sicht würde ich das wohl nicht noch einmal machen, gerade wenn ich an die vielen Anfeindungen in den ersten Jahren denke. Andererseits gab es ja damals niemanden sonst, der für die Interessen der Ostdeutschen so eingetreten ist wie meine Partei. Das tun wir bis heute, jetzt wieder verstärkt.
Was machen Sie, wenn Sie sich erholen wollen?
Ich fahre jedes Jahr Ski, bisher auch schwarze Pisten. Dieses Jahr habe ich meinem Sohn gesagt, nur noch blaue und rote zu fahren. Damit war er zufrieden. Man muss auch mal Schluss machen. Aber ich fahre weiter, bin an der frischen Luft und bewege mich gleichzeitig. Ansonsten schwimme ich, gehe wandern, fahre Rad, spiele gelegentlich Tischtennis. Das muss reichen. Wenn ich auf Rügen bin, muss ich auf jeden Fall in der Ostsee schwimmen, zumindest wenn das Wasser wenigstens 12 Grad hat.

