Die „Vitte“ verbindet nicht nur Menschen, sondern auch den Westen mit dem Osten

Auf einen Kaffee mit Anja Heitmüller

 

Anja Heitmüller (Jahrgang 1961) ist in Unterlüß in Niedersachsen aufgewachsen. Sie hat an verschiedenen Gesamtschulen im Raum Hannover als Lehrerin gearbeitet. 1998 – sechs Jahr nach der Fähre Vitte – zog es sie in den Osten und auf die Insel Rügen. Mit anderen Frauen gründete sie die Freie Schule Rügen in Dreschvitz. In ihrem ersten Buch „Unter Leuten in Unterlüß“ (2022) porträtierte sie ihr industriell geprägtes Heimatdorf in der Lüneburger Heide. Wir treffen uns auf ihrer Terrasse unterm Apfelbaum mit Blick auf Wiesen und Bodden.

Dein neues Buch beschäftigt sich mit der Beziehung eines Schiffes zu den Menschen, die damit unterwegs sind. Wie kam dir die Idee dazu?
Ich bin selbst zwei Jahre lang auf der „Vitte“ gependelt, ein- bis dreimal wöchentlich, oft auch frühmorgens. Ein Jahr lang habe ich als Französischlehrerin auf Hiddensee in „Vitte“ gearbeitet ­– nachdem Russisch als zweite Fremdsprache an der Inselschule weggefallen war – und Jahre später als Englischlehrerin und Vertretung für eine Kollegin im Babyjahr.

In dieser Zeit als Inselpendlerin erkannte ich immer klarer, dass die „Vitte“ eine besondere Fähre ist: Zum Beispiel in ihrer Rolle als unersetzliche Alleinversorgerin Hiddensees, beim Transport von Lebensmitteln und Getränken, Beton und Kies oder Werkzeugen, Pferden, Kutschen, Kränen und anderen Fahrzeugen und bei der Müllentsorgung. Oder ihre auffällige Silhouette: ungewöhnlich hoch und kastig mit großem Fahrzeugtunnel. Ein bisschen schwerfällig und langsam, aber zuverlässig, sicher und eben ein echter Kahn. Irgendwann wurde mir ihre Bedeutung für die Menschen bewusst, vor allem für Stammgäste und Stammbesatzung. Die
„Vitte“ ist ein bisschen auch ein Zuhause, ein Dorf auf der Ostsee. Die Menschen gehören hierhin, auf diesen Arbeiterkahn, auf diese fast sechzig Jahre alte Fähre, auf keine andere. Sie kennen sich, reden und schweigen zusammen, teilen Teile ihres Alltags, gehen zusammen zum Rauchen „auf den Hof“ und tauschen Naturalien wie Eier, Fisch, Obst oder Wild. Und auch für manche Sehnsuchts-Hiddensee-Urlauber ist die Anreise mit der großen, alten „Vitte“ wichtig.

Was mir so daran gefällt, ist wie sensibel du die Menschen beschreibst, die täglich oder auch nur gelegentlich mit dieser Fähre zwischen Rügen und Hiddensee pendeln. Vielfach sind es die Leute, die den Betrieb am Laufen halten und im touristischen Marketing meistens nicht im Fokus stehen.
Ja, die „Vitte“-Pendler arbeiten oft besonders hart und lange, sind eher schweigsam und unauffällig und doch für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung, unverzichtbar: Handwerker, Putzfrauen, Müllfahrer, Köchinnen, Servicepersonal – oder eben die Besatzung der Fähre. Vielleicht tragen Erinnerungen an meine Kindheit dazu bei, dass ich mich diesen Menschen so verbunden fühle. Mein Vater war Schlosser und Feinblechner in der großen Maschinenfabrik ARTOS im kleinen Heidedorf Unterlüß. Das Leben war hart und arbeitsintensiv, aber es war verlässlich und gut und erfüllt durch alltägliche Begegnungen. Ich wusste, wo ich hingehöre. Und die Menschen auf der „Vitte“ wissen es auch. Das Buch soll auch die Schönheit des Unspektakulären und Alltäglichen ans Licht holen und ganz normale Menschen in ihrer Alltagsarbeitswelt an Bodden und Ostsee zeigen.

Du verknüpfst außerdem die Geschichte des Schiffes mit der Wendegeschichte und was sich daraus ergeben hat. Eigentlich ist es eine Geschichte der gelungenen Wiedervereinigung. Was war dir wichtig?
Als ich erfuhr, dass die „Vitte“ eine deutsch-deutsche Geschichte hat und seit ihrer Kiellegung im Jahr 1968 bis nach der Wende 1992 im Wattenmeer zwischen Föhr, Amrum und den Halligen verkehrte, war ich absolut beeindruckt und begeistert. Die „Vitte“ ist in doppeltem Sinn verbindend. Sie verbindet nicht nur die
Menschen zwischen den Inseln, sondern auch den Westen mit dem Osten. Sie schafft eine gemeinsame
Geschichte, auf die alle mit Freude und Stolz blicken. Das macht zufrieden, ist sinnstiftend und verankert uns in unserem Leben.

Hat diese Geschichte auch etwas mit deiner persönlichen Geschichte zu tun? Wie bist du nach Rügen gekommen und was hat dazu beigetragen, dass du dich hier zuhause fühlst?
Sechs Jahre nach der „Vitte“ habe ich meinen Lebensmittelpunkt 1998 vom Westen in den Osten Deutschlands verlegt. Und genauso wie die „Vitte“ bin ich zwischen Bodden und Ostsee angekommen. Es ist ein Glück auf Rügen leben zu können. Hier habe ich meinen Mann kennengelernt, eine Familie gegründet und mit anderen Frauen die Freie Schule Rügen in Dreschvitz gegründet. Hier ist mein Zuhause, und hier bleibe ich. Die Wende war ein historischer Glücksfall – auch für meinen Mann, der wie ich aus Niedersachsen stammt, für die „Vitte“ und für mich!

Hast du einen Lieblingsort auf Rügen oder Hiddensee, wo du dich erholst und zur Ruhe kommst?
Ich liebe die Stille und Natur auf den Wegen zwischen der Liddower Brücke und dem Strand in Groß Banzelvitz bei uns im Nordwesten der Insel. Dort laufe ich gerne mit unserem Hund. Im Sommer sind es seltene Glücksmomente, wenn ich nach 19 Uhr am langen Strand der Schaabe sein kann und trotz Erntezeit an und in der Ostsee zur Ruhe komme. Und ein absoluter Lieblingsplatz ist das Außendeck der „Vitte“ hinter dem Fahrgastraum.

Das Gespräch führte Susanne Burmester.

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