Ein Landwirt ernährt 145 Menschen

Agrarwissenschaftler Henning Hogreve aus Stralsund im Interview

Du bist im Jahr 1996 mit deiner Familie im Alter von zehn Jahren von Süsel bei Eutin in Schleswig-Holstein nach Steinhagen bei Stralsund gezogen. Dein Vater war viele Jahre selbstständig und hat landwirtschaftliche Unternehmen beraten. Warum hast du dich ebenfalls für einen beruflichen Werdegang in der Landwirtschaft entschieden?
Es stehen einem zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten in Unternehmen des Agrar- und Ernährungsbereiches sowie in der Verwaltung als auch im praktischen Bereich der Landwirtschaft offen. Mein Studium der Agrarwissenschaften habe ich an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakul­tät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem Schwerpunkt „Umweltwissenschaften der Agrarlandschaften“ 2011 mit dem Bachelor of Science erfolgreich abgeschlossen. Bis 2015 war ich als Außendienstmitarbeiter einer landwirtschaftlichen Spezialversicherung der Hagelgilde VVaG (einer Hagelversicherung für landwirtschaftliche Kulturen) in der Akquise und Schadensregulierung tätig. Anschließend habe ich in einem landwirtschaftlichen Betrieb als Sachbearbeiter gearbeitet.

Du arbeitest seit November 2020 für die Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH in der Außenstelle Greifswald als Sachbearbeiter im landwirtschaftlichen Grundstücksverkehr. Welche Aufgaben hast du?
Ich bin für die Verpachtung von landeseigenen Nutzflächen im Landkreis Vorpommern-Rügen verantwortlich.

Warum braucht es deiner Meinung nach überhaupt eine Landgesellschaft?
Als gemeinnütziges Siedlungsunternehmen des Landes Mecklenburg-Vorpommern führt die Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH seit 1991 Maßnahmen zur Agrarstrukturverbesserung und zur Regionalentwicklung durch. Das Dienstleistungsangebot der Landgesellschaft richtet sich an Landwirte, Unternehmer und die öffentliche Hand. Es trägt maßgeblich zur nachhaltigen und damit zur ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Entwicklung im ländlichen Raum bei.

Wie viele landwirtschaftliche Nutzflächen stehen auf der Insel Rügen zur Verfügung?
Neben dem Tourismus nimmt auf der größten deutschen Insel vor allem auch die Landwirtschaft eine tragende Rolle ein. Die maritimen und klimatischen Bedingungen, fruchtbare Böden und die weiten Flächenstrukturen sind hervorragend für den Ackerbau. Auf der Insel Rügen stehen ca. 65.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche zur Verfügung. Dreiviertel der Anbaufläche werden für den Getreideanbau genutzt.

Wie groß ist die Nachfrage?
Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Nutzflächen ist enorm und steigt stetig an.

Wie viele landwirtschaftliche Betriebe gibt es im Landkreis Vorpommern-Rügen?
Im Landkreis Vorpommern-Rügen hat die Landwirtschaft eine große Bedeutung, stellt sie doch neben dem Tourismus den prägenden Wirtschaftszweig dar. Die Landwirtschaftsbetriebe nutzen, pflegen und erhalten im Landkreis Vorpommern-Rügen ca. 200.000 Hektar Landwirtschafts­fläche, davon entfallen ca. 65.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche auf die Insel Rügen und ca. 135.000 Hektar auf die Region Nordvorpommern. Das sind ca. 62 Prozent der Fläche des Landkreises. Der Ackerlandanteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche beträgt 72 Prozent, der Grünlandanteil 18 Prozent. Dafür stehen im Landkreis Vorpommern-Rügen je Einwohner 1,07 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung. Unsere Landwirtschaft erbringt auch Leistungen, die nicht in die volkswirtschaftlichen Berechnungen eingehen: Durch die Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft sowie der Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen leistet die Landwirtschaft einen hohen Beitrag zur Lebensqualität und zur Attraktivität ländlicher Räume. Die circa 640 Landwirtschaftsbetriebe nutzen, pflegen und erhalten ca. 200.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Schwerpunkte der Landwirtschaft sind der Marktfruchtbau (Weizen, Gerste, Raps) und die Rinderhaltung (Milchvieh, Mutterkühe). In der Wirtschaft des Landkreises Vorpommern-Rügen hat die Landwirtschaft zudem eine nicht zu unterschätzende Funktion als Nachfrager von Leistungen: Landwirte benötigen viele Betriebsmittel und Investitionsgüter. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Landwirtschaftsunternehmen nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und produktionstechnischen Fragen, über Wartungsarbeiten bis hin zur Tiergesundheit und Qualitätsüberwachung der Produktion. Damit ist die Landwirtschaft wichtiger Nachfrager im gesamten industriell-gewerblichen sowie Dienstleistungsbereich und sichert dort Arbeitsplätze.

Was wird auf Rügen vorrangig angebaut?
Auf der Insel Rügen werden vorrangig landwirtschaftliche Kulturen wie Winterweizen, Wintergerste, Winterraps, Zuckerrüben und Mais, Hafer und Sommerweizen- und Sommergerste angebaut. Aber auch Obst und Gemüse als Dauer­kulturen.

Wie hat sich die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren entwickelt und wie sieht die Zukunft aus?
Die Landwirtschaft hat sich in den letzten 70 Jahren grundlegend verändert. Viel weniger Landwirte ernähren heute viel mehr Menschen. Um genauer zu sein: Ein Landwirt ernährt 145 Menschen. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Abwanderung vieler bäuerlicher Arbeitskräfte zur Folge. In den letzten 70 Jahren veränderte sich die Landwirtschaft nochmals sehr stark: bessere und größere Maschinen, weniger Arbeitskräfte, mehr Tiere, größere Flächen, Einsatz von Kunstdüngern und Pflanzenschutzmitteln. In den letzten 100 Jahren wurden enorme Produktivitätssteigerungen erzielt. Immer mehr Menschen werden von einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ernährt. Im Jahr 2030 muss die globale Landwirtschaft Lebensmittel für 8,5 Milliarden Menschen bereitstellen. Das ist eine enorme Verantwortung.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Landwirte heute?
Eine große Herausforderung für die Landwirtschaft ist der Klimawandel. Der Klimawandel verändert die Produktionsbedingungen in der Land- und Forstwirtschaft. Die Frühjahrstrockenheit hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. In den Jahren 2018 bis 2020 haben fehlende Niederschläge zwischen Frühsommer und Herbst die Böden extrem ausgetrocknet. Im vergangenen Jahr konnten alle
Bodenschichten fast überall wieder ausreichend mit Wasser versorgt werden.

Der Ruf nach Bio ist bei vielen Menschen lauter geworden. Wie lässt sich deiner Meinung nach Bio mit der konventionellen Landwirtschaft in Einklang bringen?
Nachhaltige Landwirtschaft beinhaltet meiner Meinung nach ein Wirtschaften im Einklang mit der Umwelt und Natur, das Ressourcen schont und das Klima schützt.

Hand aufs Herz. Wenn du einkaufen gehst: Bio oder konventionell?
Sowohl konventionell als auch Bio.

Welche Rolle spielt das Thema Erneuerbare Energien in der Landwirtschaft?
Durch die Energiewende eröffnen sich für die Landwirtschaft auch neue Chancen, die es sinnvoll zu nutzen gilt. Am derzeit wichtigsten erneuerbaren Energieträger, der Biomasse, führt so schnell kein Weg vorbei. In Zukunft sollen die erneuerbaren Energien einen Hauptanteil an der Energieversorgung übernehmen. Ziel ist es, bis zum Jahr 2050 die Energieversorgung bis zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Zwei Drittel aller erneuerbaren Energien stammen zur Zeit aus der Biomasse. Auf gut 2,1 Mio. Hektar (d.h. ca. 18 Prozent der Ackerfläche) werden in Deutschland inzwischen Energiepflanzen angebaut. Energie nachhaltig zu erzeugen ist für viele Landwirtinnen und Landwirte eine Selbstverständlichkeit. Sie haben früh das Potenzial dieser Technologien erkannt und zum Beispiel Solaranlagen auf Stall- und Scheunendächern installiert. Durch diese und andere Maßnahmen haben sie ihre Betriebe auf die Zukunft und die Eindämmung des Klimawandels ausgerichtet.

Was schätzt du an der Region am meisten?
Die Vielfalt an Hofcafés und Hofläden, Restaurants, Imkereien, Brennereien, Ölmühlen, Handwerksstätten und der landwirtschaftlichen Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern.

Wo kannst du am besten entspannen?
In der Natur im wunderschönen Vorpommern, auf der Insel Rügen, aber auch auf der Stralsunder Hafeninsel.

Interview: Janet Lindemann

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