Die junge Frau am Waschstein

Eine Jasmunder Erzählung aus dem Sagenkreis rund um den Kreidefelsen Königsstuhl

Schaut man vom Königsstuhl herab, erblickt man zahlreiche Findlinge in dessen Uferbereich. In nördlicher Richtung, etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt, liegt ein recht großer, der Waschstein.
Alle sieben Jahre am Johannistag kann man hier am frühen Morgen, wenn am Horizont die Sonne aufzugehen beginnt, eine mit einem Fluch belegte junge Frau auf diesem Stein sehen, die im Meer ein Tuch voller Blut wäscht. All ihre Bemühungen sind jedoch vergeblich, das Blut ist nicht herauszubekommen.
Wer sich früh am Strand aufhält und die schöne Frau an diesem Tag bei ihrer Arbeit antrifft, soll zu ihr folgende Worte sagen: „Guten Morgen, Gott möge helfen!“ Dann ist sie erlöst und bedankt sich mit Schätzen aus Gold und Edelsteinen, die in einer Höhle zwischen den Felsen der Großen Stubbenkammer liegen.
Eines Morgens, an einem Johannistag, kam ein junger Fischer am Strand entlang. Er hatte kurz zuvor von dieser Geschichte gehört und wollte, da sieben Jahre erneut vorbei sein mussten, einmal sehen, ob sie wahr ist.
Erstaunt sah er tatsächlich das Mädchen auf dem Stein, ein Tuch in der Hand, welches beim Waschen trotz aller Sorgfalt nicht rein wurde. Er rief, wie es auf Rügen üblich war, wenn man jemanden begegnete, der gerade arbeitete: „Guten morgen, möge Gott helfen!“ Traurig sah die junge Frau ihn an und sagte enttäuscht: „Wir wären beide glücklich geworden, hättest du ,Gott möge helfen!‘ “ gesagt. Jetzt muss ich weiter hoffen und auf meine Erlösung warten.“ Darauf verschwand sie hinter dem Stein in den Fluten.
Der junge Fischer war fassungslos. Ihm war so trostlos zumute, obwohl die Sonne gerade im schönsten Licht aufging und die weiße Kreideküste erstrahlen ließ. Noch lange blieb er am Strand stehen. Doch sein Wunsch, das hübsche Mädchen möge wieder erscheinen, erfüllte sich nicht.

(modernisierte Fassung nach:
Albert Burkhardt: Sagen und Märchen der Insel Rügen.
Altberliner Verlag, 2. Auflage, 1999)

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