Meer-Märchen
Weihnachten in Neptuns Bernsteinpalast
Ein Meer-Märchen aus der Feder von Texterin, Designerin und Illustratorin Dr. Irene Blechle
Ein besonderer Zauber trägt sich unter der Eisdecke der winterlichen See zu.
Glitzernde Eiskristalle entstehen aus gefrorenem Wasser und wachsen hin zum Meeresgrund. Darauf fallendes Sonnenlicht lässt blaue Leuchtstrahlen entstehen. Sie blitzen auf und erhellen das kristallklare Wasser viele Meter bis zum Grund.
Wie Schneeflocken unter der Meeresoberfläche schweben kleine Eiskristalle und weiße Sandkörner in die endlose Wassertiefe herab.
Aus diesen dunklen Tiefen steigen bei Frost zum Jahresende Fabelwesen auf. Das Reich des Seeteufels ist ihre Heimat. Sie folgen den lebendigen Meeresströmungen auf dem Weg zu Neptuns Palast.
Wenn das Licht von den Kristallen das Schloss des Meeresgottes erreicht, erstrahlen dessen transparente Bernsteinwände. Dann schimmert Neptuns Palast in der Farbpalette des uralten versteinerten Baumharzes in Orange, Braun, Grün, Schwarz, Honiggelb und Weiß. Fenster aus bunten Glasscherben untergegangener Schiffsfrachten tauchen die Palasträume in ein magisches Licht. Schützende Türen aus steinhartem Treibholz schliff die immerwährende Wasserkraft des Meeres spiegelglatt. Das Dach aus weißem Kalkstein beschweren Korallen und Muschelgehäuse. So getarnt kann von oben kein Mensch Neptuns Bernsteinpalast in der Tiefe des glasklaren Wassers erblicken.
Wenn das Weihnachtsfest bevorsteht, lädt der Meeresgott Neptun sein Volk zum fröhlichen Festmahl ein. Tinto, der große, vielarmige Octopus, malt dazu mit seiner Tintenfarbe die Einladungskarten. Wunderschöne Meerjungfrauen verteilen diese Botschaft an Flunder, Dorsch, Hering, Meerforelle, Steinbutt, Kabeljau und all die anderen Meeresbewohner in den Ozeanen der Welt. Die Seepferdchen werden angeschirrt. Sie sollen Neptuns Kutsche aus Bernstein mit den weichen Polsterkissen aus Seegras am Weihnachtstag ziehen.
Selbst der Meereskönig Neptun ist mit wichtigen Vorbereitungen beschäftigt. Er probiert den neuen, mit Bernsteintropfen und rosa Muschelschalen bestickten Mantel aus Meeresgischt. Seit Monaten nähten die Seenadeln daran.
Dann greift Neptun nach seinem goldenen Dreizack. Putzerfische haben dieses Königszepter spiegelblank poliert. Zum Schluss kämmt Neptun sein wallendes Barthaar. Lustig schaut er dem ausgelassenen Spiel von Meerkatz und Seehund im Palasthof zu. Glücklich betrachtet er die weißen Seekühe, wie sie sich auf den Seegraswiesen genüsslich stärken.
Währenddessen schmücken Schwärme kleiner Fischchen den Weihnachtsbaum aus Blasentang. Rote Seesterne in Schachteln stehen bereit. Aber auch Kugeln aus Luftblasen wird man noch verwenden. In diesem Jahr haben sogar die Heringe glänzende Fischschuppen als Weihnachtsdekoration gespendet. Fantasievoll sollen sie silbern im Grün des Blasentangs glänzen. Bald schon wird dieser herrliche Weihnachtsbaum im Garten des Bernsteinpalastes zwischen Seelilien, Seerosen, Seegurken und Seeanemonen prangen und von allen Meeresbewohnern bewundert werden.
Aber ein solcher Weihnachtsbaum gefällt auch dem neidischen Seeteufel und seinem Gefolge der Fabelwesen. Weil aber im dunklen Reich des Seeteufels kein Blasentang gedeiht, gibt es dort keinen Weihnachtsbaum und kein fröhliches Fest. So schickt der neidische Seeteufel den Seedrachen, um Neptuns Volk den Weihnachtsbaum zu stehlen.
Diese Diebestat bleibt nicht lange unentdeckt. Die eleganten, pfeilschnellen Seehunde, Neptuns Leibgarde aus dem Bernsteinpalast, nehmen die Verfolgungsspur auf. Ihnen folgen stachelbewehrte Seeigel, Königskrabben mit gewaltigen Scheren und die gefürchteten Feuerquallen. Zum Schluss schwimmen Zitteraale. Sie können in ihrem Körper sogar Strom erzeugen. Über der glasklaren Eisdecke helfen Seeadler mit ihren scharfen Augen bei der Verfolgung des diebischen Seeteufels.
Und diese gemeinsame Jagd ist erfolgreich. Der Seedrache wird gestellt und umzingelt. Schlotternd vor Angst hockt er inmitten des Baumschmucks aus Seesternen und silbern glänzenden Heringsschuppen. Den saftigen frischen Blasentang hat der gefräßige Seedrache noch schnell verspeist.
Aber ohne einen Baum aus Blasentang, so meint man im Bernsteinpalast, kann es doch kein Weihnachtsfest geben. Außerdem bleibt nur noch wenig Zeit bis zum Eintreffen der vielen geladenen Gäste aus allen Regionen der Weltmeere.
Nur einer kann jetzt noch helfen, der gewaltige Wal. Er ist so kraftvoll und schnell wie kein anderes Meerestier, kennt alle Orte, an denen man schönen Blasentang findet und kann schnell dorthin gelangen.
So ruft Neptun den Wal zu Hilfe. Nachdem der Meeresgott mit seinem Dreizack die See beruhigt hat, schwimmt der größte aller Meeresbewohner los. Er nutzt die Strömungen der See, umschwimmt gefährliche Felsen unter der Wasseroberfläche und folgt den alten Wanderrouten der Wale. Die gefährlichen Tiefen, in denen die Fabelwesen des Meeresteufels lauern, meidet der Wal.
Dann hat er das Ziel erreicht, das Wrack einer versunkenden Kogge. Rund um diesen Schiffskörper findet er den schönsten Blasentang. Hier spielen lustige Delfine. Bald ist das riesige Walfischmaul voll von Blasentang.
Noch rechtzeitig vor dem Fest kann der Wal mit dieser Ladung zu Neptuns Bernsteinpalast zurückkehren. Er bringt nicht nur genug Blasentang für einen neuen Weihnachtsbaum, sondern auch für wunderschöne Girlanden. Die Kleinsten aus den Fischschulen schmücken sie mit weißen Herzmuscheln. Dann hängen die Fischchen alle Girlanden in die farbigen Glasfenster des Bernsteinpalastes.
Nun gibt der Wal mit einer gewaltigen Luftfontäne ein Signal. Es bedeutet, alle Arbeiten zum Fest sind beendet und Neptuns Feier beginnt.
Die Kutsche mit den Seepferdchen hält, Neptun steigt aus und betritt im neuen Mantel aus Meeresgischt den Festsaal. Weit geöffnet sind die Fenster zum Palastgarten mit dem wundervoll geschmückten Weihnachtsbaum aus Blasentang.
Nach dem ersten Tanz der Seejungfrauen prostet ein glücklicher Neptun seinem Meeresvolk mit einem Becher voller gesalzenem Meereswasser zu.
Jetzt kann Weihnachten kommen.
Über die Autorin und Illustratorin Irene Blechle:
Dr. Irene Blechle hat Germanistik / Kunst studiert und ist promoviert.
Die Spezialistin für Reformpädagogik / internationale Bildungssysteme, präsentiert unter dem Label Navigare ein facettenreiches Leistungsspektrum – Text : Design : Illustration.
Als Presse-, Fach- & Kinderbuchautorin, z.B. mit den Titeln „Entdecker der Hochschulpädagogik“ (2002), „Lisa Pfiffig & Hund Schnauz“ (Teil 1-2007, Teil 2-2008) „Orbis Elchicus“ (2010) wurde sie in Deutschland und Österreich bekannt.
Kontakt:
Dr. Irene Blechle
Tel. 038231-89570
Funk 01577-2860561
Mail I.Blechle@t-online.de
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