Harald Gehrke
Violette Fische auf Prozellan und die Autoren
der Welt
Heute Büchermarkt für den Besucher, aber jeden Tag in der Welt
der Bücher für die Bewohner

Harald Gehrke leidenschaftlich im Gespräch mit einem Samstagnachmittagsbesuch Foto: Jens Frank
Eigentlich ist die niedrige blaue Tür der alten Kate in der Kurve in Garz fast immer offen - offen für jeden der Bücher liebt, sich an von zarter Frauenhand liebevoll bemaltem Porzellan erfreut und der ein gutes Gespräch zu schätzen weiß. Wer seine Schritte über diese Schwelle lenkt, nicht in rascher Fahrt um die Ecke Richtung Putbus davonbraust, sondern sich von dem Schild am Straßenrand "HEUTE BÜCHER-MARKT" einladen lässt, taucht ein in eine andere Welt. Ein Duft nach Malmittel, Terpentin und Büchern empfängt den Besucher beim Eintritt und gleich sind sie da, die Assoziationen mit der Werkstatt eines Restaurators, dem Atelier eines Malers oder der Bibliothek beim Studium. Auch wenn das Schild, die Bücherkisten und der Geschirrtisch nicht vor der Tür stehen, sie sind hier, die vielen Bücher und ihre Autoren und der Hüter dieses Schatzes. Die Wände des kleinen Raumes sind rundherum zugestellt mit Regalen voller Bücher und Porzellan. In seinem Sessel sitzt er und liest Bücher, sicher zehn gleichzeitig, wirft hin und wieder einen Blick durch die kleinen Katenfenster nach draußen, um über die Welt nachzusinnen. Ein zweiter Sessel steht bereit für einen Besucher, um in Ruhe in den Büchern zu stöbern oder für ein Gespräch – worüber? – Fukushima oder Tripolis? Weder die Wände noch die Menschen sind hier durchgestylt und glattgeputzt, sondern bodenständig und frei, so wie die Gedanken und Gespräche, die zwischen diesen Wänden entstehen. Bis zum silbernen Handlauf vor der Tür geht diese Welt, erst dahinter, so sagen die Bewohner, beginnt Rügen. In dieser Welt bitten die vielen liebgewonnenen Autoren zwischen den Buchdeckeln: "Geh nicht zu lange fort. Wenn wir sehen, dass Du uns liest, geht es uns allen gut."
Im Eckhaus in Garz – zwischen zarten Ginkgoblättern, Muscheln und Fischen auf schneeweißem Porzellan – entstehen auch eigene Zeilen. Sie streben nicht danach zwischen Buchrücken und in fernen Bibliotheken und Buchläden zu gelangen. Zeilen vom magischen Ort, der unter den Pflug kam, den sagenhaften Unterirdischen oder dem Meer, das bis zum Himmel reicht, fliegen nach Lust und ganz ohne Zwang auf weiße Blätter, weil sie nichts wollen. Wer ein Ohr dafür hat, bekommt eine Kostprobe davon gelesen.
Rügen-Porzellan und Laden
Lindenstraße 17
18574 Garz
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