Barbara Marquardt
Dirigentin in der KunstSzene Rügen
Ein Besuch bei der für ihre ehrenamtliche Tätigkeit ausgezeichneten Barbara Marquardt
Es ist spät geworden, sehr spät als wir wieder nach Hause fahren.
Draußen hinter dem Bodden hat sich die Insel Vilm längst in dunkles Schweigen gehüllt. Uns vergingen die Stunden, in denen wir ihr mit offenstehenden Mündern und staunenden Gesichtern zuhörten, kaum dazu kamen, Fragen zu stellen, wie Minuten. So wie in Wartezimmern der Ärzte Minuten endlos lang werden können, passierte uns bei ihr genau das Gegenteil.
Stundenlang lauschten wir Barbara Marquardt und den Geschichten ihrer originalen Gemälde, Grafiken und Fotografien an den Wänden, den Geschichten ihrer unzähligen selbst gesammelten tausende Jahre alten Fossilien. Wir fühlten uns zurückversetzt in unsere Studentenzeit, als säßen wir bei unserer Dozentin in einer Privataudienz. Fünfunddreißig Jahre stand sie als Ehefrau und engste Mitarbeiterin an der Seite Hans Marquardts, dem Leiter des Reclam Verlages Leipzig. Auf die dort verlegten Bücher von Christa Wolf, Volker Braun, Egon Erwin Kisch oder Maria Zwetajewa warteten wir, wie unsere Eltern zu Weihnachten auf Bananen und Apfelsinen. Mit den frischen Vitaminen machten sie uns vor der Wende viel Freude.
Nach der Wende lösten die gleichnamigen Stuttgarter Reclam-Verleger die langjährige Wirkungsstätte ihres Mannes auf. Das war zu einer Zeit, da hatten sich Marquardts eigentlich schon zur Ruhe gesetzt in Neuendorf auf Rügen mit dem wunderschönen Blick auf die Insel Vilm. Hier zeichneten u. a. der Bildhauer Werner Stötzer und der Maler Wolfgang Mattheuer den Ausblick von ihrer Terrasse. Große Künstler gingen bei ihnen ein und aus, die Bilder blieben und fanden einen liebevollen Platz an den Marquardtschen Wänden. Die Kunst war beider Lebensinhalt und Künstler sind Barbara Marquardts Leben bis heute. Als Pensionisten holten sie Künstler und ihre Bildern auf die Insel. Sechs Ausstellungen eröffneten sie pro Jahr im Kreiskulturhaus Bergen, später im Jagdschloss Granitz. Viele bekannte Schriftsteller lasen auf Marquardts Einladung vor einem interessierten Publikum auf Rügen. Für die KulturStiftung Rügen trugen sie Kunstwerke zu einer beachtlichen Sammlung zusammen. Seit dem Tod ihres Mannes vor sieben Jahren macht sie weiter in Sachen Kunst und strahlt dabei, wenn sie von Unverständnis, Schwierigkeiten und Hürden spricht. Junge Leute von heute warten bei ähnlichen Problemen auf die BurnOut-Diagnose der Ärzte. Woher nimmt Barbara Marquardt diese unermüdliche Kraft fragen wir uns? Gebraucht werden, noch ein bisschen Mitgestalten, besonders da, wo man lebt, das ist ihre Motivation für die ehrenamtliche Arbeit. Dafür ist sie kürzlich mit dem Kulturpreis des neuen Landkreises Vorpommern-Rügen geehrt worden. Die Kunst ist ihr ganz persönliches Vitamin.
Foto: Jens Frank
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